Viren

Ein Virus lebt davon, fremde Welten zu erobern und die vorhandenen Ressourcen auszubeuten. Das Virus passt den gekaperten Wirtsorganismus seinen eigenen Bedürfnissen an. Manche Viren sind dabei so rücksichtslos, dass sie sich innerhalb kurzer Zeit ihren Wirt töten. Sie selbst können Jahre, Jahrhunderte in feindlicher Umgebung überleben, bis sie einen neuen Wirt finden, den sie für ihre Zwecke nutzen können.

 

Trotz der enormen Zerstörungskraft mancher Viren sind sich Wissenschaftler nicht einig, ob Viren überhaupt als echte Lebewesen anzusehen sind, denn ihnen fehlt eine wesentliche Eigenschaft, die das Leben erst möglich macht: Alle Lebewesen haben einen Stoffwechsel und pflanzen sich fort. Mit anderen Worten: Sie essen und trinken und haben Sex. Viren dagegen haben nur Sex. Sie nutzen die Ressourcen der eroberten Zelle lediglich zur Fortpflanzung. 

 

Der Hauptzweck jeder Spezies, ob Tier oder Pflanze, besteht darin, sich fortzupflanzen. Allerdings haben die meisten Lebewesen dazu recht komplizierte Werkzeuge entwickelt: einen Körper. Der Körper, sei es der einer Pflanze oder eines Tieres, dient dazu, den eigenen Nachkommen die besten Überlebenschancen zu bieten und das Weiterbestehen der Spezies zu gewährleisten. Je komplexer das Lebewesen, desto mehr Aufwand ist nötig, um den Körper heranreifen zu lassen, bis er seiner eigentlichen Aufgabe nachkommen kann. Bei Einzellern genügt es, den Stoffwechsel einer Zelle so zu gestalten, dass die Zelle lange genug gesund bleibt, bis sie sich teilt und ihre Tochterzellen gebiert. Doch je größer der Körper wird, desto mehr spezialisierte Zellen werden benötigt. Bis hin zu den komplizierten Organsystemen der Säugetiere, am Laufen gehalten durch unzählige chemische Prozesse. Das gesamte Leben ist ein unablässiges Wechselspiel von innern und äußeren Faktoren. Jeder Organismus reagiert auf Einflüsse von außen, auf Hitze und Kälte, auf das Nahrungsangebot, auf die Bedrohung durch Feinde. Die komplexeren Arten werden nicht nur von der Umwelt beeinflusst, sie verändern ihrerseits die Welt in der sie leben. Sie bauen Nester und Höhlen, Biber stauen ganze Flüsse auf, große Tiere wie Elefanten sorgen dafür, dass die afrikanische Steppe offen bleibt. Eine ganze Reihe von Tieren, wie Raben, Primaten oder Bären, benutzt Werkzeuge, um an Nahrung zu gelangen. Kein Lebewesen jedoch hat so massiv in seine Umwelt eingegriffen und sie verändert wie der Mensch.

 

Und warum?

Um die Überlebenschancen der eigenen Nachkommen zu erhöhen und dadurch möglichst viele der eigene Gene weitergeben zu können.

 

Doch im Laufe der Jahrtausende hat der Mensch dieses Ziel aus den Augen verloren. Sie haben die eigene Existenz überhöht und überfrachtet, das Individuum ist in den Mittelpunkt seines Strebens getreten, das menschliche Leben gilt als höchstes Gut.

Ein Virus dagegen hat kein Interesse daran, sich selbst als Individuum am Leben zu erhalten. Oft entziehen sie sich sogar selbst die Lebensgrundlage, wenn sie ihren Wirt töten. Viren verzichten vollkommen auf einen eigenen Organismus, der ernährt und gepflegt werden muss, um seinen eigentlichen Zweck zu erfüllen. Sie haben das Leben auf das Wesentliche reduziert. 

 

Minimalismus und Maximalismus. Virus und Mensch. 

Zwei Lebensformen an den entgegengesetzten Enden einer weiten Skala von Möglichkeiten.

Einfach und komplex.

Und höchst zerstörerisch.