Nach zwanzig Jahren

Es leben noch etwa 6 Milliarden Menschen auf diesem Planeten.

 

Die Landflucht hat überall auf der Welt weiter zugenommen, die Infrastruktur bricht zusammen. Es gibt ganze Landstriche, die so gut wie unbewohnt sind. In den Gegenden, in denen die Landwirtschaft durch den Klimawandel immer unrentabler wird, wandern die Menschen ab – aber nicht alle. Vor allem die Alten bleiben zurück, doch niemand kann und will mehr für ihre Versorgung aufkommen. Die Politik versucht, die letzten Bewohner dieser neuen Wüsten zum Umzug in die Städte zu bewegen, aber viele sträuben sich. Inzwischen gibt es Trupps, die regelmäßig durch die Dörfer ziehen, um die Leichen aus den Häusern zu holen.

 

Probleme mit Plünderungen gibt es dagegen kaum. In den verlassenen Häusern gibt es selten etwas zu holen, und das Benzin ist viel zu teuer, um die weiten Strecken zu fahren.

 

Inzwischen macht sich der Bevölkerungsrückgang bemerkbar. Es gibt deutlich weniger junge Menschen, die als Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Rente ist so gut wie abgeschafft, jeder muss arbeiten, solange er oder sie kann. Die Letzten Menschen in Deutschland sind fünfzehn, sechzehn Jahre alt, und es sind nur wenige Hundert. Sie werden zusammen auf fünf Internaten unterrichtet, da es sich nicht lohnt, für die wenigen Schüler eigene Schulen zu unterhalten.

 

Trotzdem funktioniert die Wirtschaft noch einigermaßen, auch wenn der globale Handel durch die hohen Ölpreise zunehmend ins Stocken gerät. In den Städten kann man sich noch der Illusion hingeben, alles sei in Ordnung, doch natürlich gibt es gewaltige Unterschiede. In manchen Ländern werden die Resourcen gerechter verteilt als in anderen. In Europa ist die Bevölkerung um 20% zurückgegangen, was daran liegt, dass die Bevölkerung auch vor dem Virus bereits überaltert war. Die Folgen dieses Bevölkerungsschwunds klingen zunächst positiv: weniger Konsum, weniger Autos, mehr Wohnraum für alle.

 

In den Entwicklungsländern dagegen, in denen vor dem Virus 30% der Menschen jünger als 16 Jahre waren und die Menschen zudem früher sterben, beträgt der Bevölkerungsschwund rund 30%. Was wiederum zu einer besseren Versorgung mit Nahrungsmitteln führt, doch der Effekt wird durch die immer heftigeren Folgen und Schäden des Klimawandels aufgehoben. Es gibt immer mehr Failed States, ganze Staaten brechen zusammen und werden unregierbar. Plündereien, Raub und Mord sind an der Tagesordnung. Die Menschen versuchen, irgendwie zu überleben.

 

Angeblich gibt es abgeschottete Kolonien, in die sich Reiche mit künstlich erzeugten Kindern zurückgezogen haben. Sie leben ihr gewohntes Leben im Luxus. Dass die Welt um sie herum im Chaos versinkt, ist ihnen egal.

 

Allgemein ziehen die Menschen sich eher zurück. In vielen Staaten regieren nationalistische Parteien. Man reist nicht mehr so viel, weder privat noch beruflich. Die Kosten für die Mobilität sind in die Höhe geschossen. Keiner hat mehr Lust, ein paar Jahre im Ausland zu verbringen – es ist viel zu unsicher, ob man wieder zurückkommen kann. Nur Daten und Informationen fließen weiterhin ungehindert. Das Internet lebt. Das heißt, dort, wo es Strom gibt.

 

Doch die Veränderungen kommen so langsam, so schleichend, dass die Menschen die Möglichkeit haben, sich an den veränderten Alltag anzupassen. Sie klammern sich an die Reste des alten Lebens und warten auf bessere Zeiten.