Nach zehn Jahren

Zehn Jahre, sieben Monate und elf Tage, nachdem die erste Botschaft der Ranger auftauchte, wird der letzte Mensch auf der Erde geboren. Es ist Matayo Buhari aus Äthiopien. Möglicherweise gibt es noch Geburten in einigen abgelegenen Naturvölkern, die keinen Kontakt zur Zivilisation haben, aber niemand kann bestreiten, dass diese Völker keine Bedrohung für die Natur oder den Planeten darstellen.

 

Viele Menschen glauben mittlerweile an die Existenz der Ranger, doch jede Regierung auf der Welt und jede internationale Organisation schließt diese Möglichkeit immer noch kategorisch aus. Es gebe keine Hinweise auf extraterrestrisches Leben außerhalb der Erde, heißt es von Seiten der NASA. Auch die Daten der Raumsonden, die seit Jahren zur Erde gefunkt und hier ausgewertet werden, sind absolut authentisch und nicht manipuliert worden. Auch an dem Virus haben sich keine Außerirdischen zu schaffen gemacht. In der offiziellen Stellungsnahme der WHO handelt es sich bei dem Virus um eine natürlich entstandene Mutation. Natürlich sei die Lage ernst, aber nicht hoffnungslos.

 

Künstliche Befruchtung ist seit vier Jahren verboten. Die in den Samenbanken lagernden Spenden werden wie Schätze gehütet. Sie und die gespendeten Eizellen gelten als Rettung der Menschheit – wenn endlich ein Gegenmittel gegen das Virus gefunden wird. Sämtliche Staaten der Erde fördern inzwischen Forschungsprojekte, die nur dieses eine Ziel haben: die Vernichtung des Virus.

In Deutschland werden in diesem Jahr die letzten Kinder eingeschult und somit die letzten Kindergärten geschlossen. Erzieherinnen schulen um, Lehrer sehen mit mulmigem Gefühl ihrer eigenen Abschaffung in wenigen Jahren entgegen. Die Schnullerindustrie beklagt Einbußen um 100%.

 

Die Gesellschaften in den Industrienationen sind überaltert. Die Babyboomer, die in diesen Jahren in Rente gehen sollten, müssen weiter arbeiten, weil niemand sie ersetzen kann.

 

Die übrigen Auswirkungen des Virus sind gering. Es leben immer noch sieben Milliarden Menschen auf der Erde, die weiterhin Ressourcen verbrauchen und überall ihre Spuren hinterlassen.

 

Viele Menschen haben sich der Initiative „Aufräumen‟ angeschlossen, die sich dafür einsetzt, die Hinterlassenschaften der Menschen zurückzubauen, solange noch Zeit ist. Was passiert mit den alten Industrieanlagen, wenn es keine Menschen mehr gibt? Mit den Bohrtürmen in den Meeren, den Ölraffinerien, den Atomkraftwerken und Chemiefabriken? Wohin mit den Millionen Tonnen Müll, die wir bisher produziert haben und immer noch weiter produzieren?

 

Doch das Projekt „Aufräumen‟ ist eine private Initiative, auch wenn sie von einflussreichen Prominenten und potenten Geldgebern unterstützt wird. Von vielen werden sie als Spinner verlacht, von anderen als Schwarzmaler verachtet. Die Politik reagiert träge. Es werden Gelder für die Forschung am Virus freigegeben – genügt das nicht? Es gibt Wichtigeres. Die Arbeitsplätze. Die nächste Fußballweltmeisterschaft. Die nächste Wahl.

Und der Klimawandel. Ach ja.

 

Die Weltgemeinschaft hat sich schon längst vom 1,5°-Ziel verabschiedet. Stattdessen versucht man, sich an die Folgen der zunehmenden Erderwärmung anzupassen. Der Südseestaat Tuvalu ist versunken, seine Bewohner sind geflohen und fristen in den wenigen Staaten, die sie aufgenommen haben, ein tristes Dasein als geduldete Flüchtlinge. Wohin soll man Menschen abschieben, deren Staat im Meer versunken ist?

 

In Deutschland gibt es kaum noch richtige Winter, dafür werden die Sommer immer heißer und immer trockener. Vor fünf Jahren brannte das Dorf Kemnitz in Brandenburg bei Waldbränden nach monatelanger Dürre vollständig ab, in der ganzen Region verloren fünfhundert Menschen ihr Zuhause.

 

Die Erträge auf den Feldern und Äckern geht von Jahr zu Jahr weiter zurück. Bauern müssen ihre Viehbestände verkleinern. Infolgedessen steigen die Preise für Brot, Milch und Fleisch.

 

Doch noch geht es den meisten Menschen gut.

 

Kein Grund zur übermäßigen Sorge.