Wie es sein könnte

Es ist ja nicht so, dass der Mensch sich ohne Weiteres mit seiner Grausamkeit abgefunden hätte. Schon früh versuchte er, sich selbst zu zähmen, indem er sich Gesetze gab, die Gewalt unter Strafe stellte. Er erfand allerlei Götter – allwissende, liebevolle, strenge, strafende, zornige, gütige – um sich machtvolle Unterstützung im Kampf gegen die eigene Unzulänglichkeit zu holen. Doch es nützte wenig, denn der Gott der einen war oft nicht der Gott der anderen, und wenn die Götter untereinander schon keinen Frieden halten konnten, wie sollte es dann der Mensch, dieses fehlbare Wesen, schaffen?

 

Die Götter veränderten ihre Gestalt, nannten sich Vernunft und Humanismus, brachten neue Gesetze, die den alten glichen. Gesetze, die hochgehalten und geehrt wurden – in Friedenszeiten, in den Zeiten des Luftholens zwischen zwei Kriegen, während andernorts das Töten und Morden weiterging. Die Vernunft indes war – ganz das Ebenbild ihrer Schöpfer – kurzsichtig und arrogant dazu. Das Unrecht, das ihre europäischen Erfinder den Bewohnern weit entfernter Ländern antat, sah sie nicht; die Gewalt, die sie anderen Lebewesen außer den Menschen angediehen ließ, nannte sie Recht und Notwendigkeit.

 

Die Grausamkeit scheint also in der Natur des Menschen zu liegen. Kümmert es jemanden? Fragte jemand nach den Gründen? Die Erfindung des Teufels brachte Erleichterung: Nicht der Mensch ist böse, er wird nur dazu verführt. Die armen Seelen brauchten nur zu beichten, dann wurde ihnen verziehen, während die Toten auf den Schlachtfeldern verwesten und die Hungernden in der Gosse starben. Aus dem Teufel wurde die Biologie, die postulierte, der Hang zur Grausamkeit sei uns angeboren, aber nicht allen Menschen, sondern nur den Besiegten. Denn die Sieger sind niemals grausam, sie sind stark, tapfer und entschlossen. Doch der Biologie erging es wie dem Teufel und allen Göttern vor ihr; sie wurde von ihrem Thron gestoßen, und plötzlich trug die Gesellschaft die Schuld an der Grausamkeit des Menschen. Wir müssten nur unsere Kinder richtig erziehen, dann habe es ein Ende mit der Geißel der Menschheit. Eine Ansicht, die sich ein paar Jahrzehnte hielt, bis die Neurologie sich zu Wort meldete. Unser Verhalten sei nur in sehr engem Rahmen variierbar. Der freie Wille? Existiert nicht. Mehrere Sekunden, ehe wir uns bewusst entscheiden, den Arm zu heben, ist diese Entscheidung bereits im Kernspin im Gehirn sichtbar.

 

Der Mensch ist des Menschen Freund

Es gibt unzählige Beispiele für Menschen, die sich für andere einsetzen, für Schwächere, für Tiere, für die Umwelt.

Menschen geben ihr Leben, um andere zu retten.

Sie opfern sich auf für die gute Sache, für die Freiheit, für ein besseres Leben.

Sie stiften ihr Vermögen, sie verzichten auf Ruhm und Reichtum, um anderen zu helfen.

Sie bauen Krankenhäuser, ohne einen Lohn dafür zu erwarten.

Sie begeben sich in Gefahr, weil andere in Not sind.

 

Sie träumen von einer Welt des Friedens, ohne Gewalt und ohne Kriege.

Sie entwickeln ständig neue Konzepte von einer besseren Art des Zusammenlebens.

Sie blicken zurück in die Vergangenheit und erkennen ihre Fehler.

Sie empfinden Scham über das, was sie anderen Menschen, den Tieren und der ganzen Umwelt antun.

 

Nicht alle, aber viele.

Der Mensch als Individuum kann böse sein, aber in der überwiegenden Mehrzahl ist er gut.

Oder er meint es zumindest nicht böse.

 

Doch letzten Endes sind alle Bemühungen, Positives zu bewirken, nur Tropfen auf heiße Steine.

Wir schaffen es nicht, die gewaltigen Schäden, die Homo sapiens als Spezies anrichten, auch nur ansatzweise auszugleichen.

 

 

Was wäre, wenn ...

... der Mensch tatsächlich von seiner genetischen Struktur her nicht in der Lage wäre, anders zu handeln?

 

Die meisten Menschen handeln zumindest in einigen Punkten so, wie es für ihn selbst und seine (potentiellen) Nachkommen am besten ist oder zumindest erscheint.

 

Wenn wir billige Kleidung kaufen, handeln wir in unserem Sinne, da es unseren Geldbeutel schont.

Wir tragen dadurch zwar zur Ausbeutung von Näherinnen in Bangladesch oder zur Wasserknappheit in den indischen Baumwollanbaugebieten bei - aber Bangladesch und Indien sind weit weg, und das Leiden der Menschen dort betrifft uns nicht persönlich.