Das Jahr 1450

Vielleicht hätte es noch jahrtausendelang einfach so weiter gehen können.

 

Lange Zeit sahen sich die Menschen als Herrscher über diesen Planeten an, doch der Planet lachte nur darüber.

 

Sie eroberten die Welt, sie töteten wahllos ihresgleichen und andere Lebewesen. Sie erschufen Städte und eroberten ganze Kontinente. Lange, bevor die Europäer zur herrschenden Zivilisation wurden, gab es Könige und Kaiser, die über gewaltige Reiche herrschten. Wer als "fremd" definiert wurde, wurde versklavt und getötet. Die Besiegten und Eroberten waren rechtlos und galten weniger als die Sieger. Die Erde und der Reichtum der Natur hingegen wurden von allen - Siegern wie Besiegten -  ausgebeutet. Manchmal solange, bis die Grundlage für das eigene Leben vernichtet war.

 

Doch die Menschen waren zu schwach und zu wenige, um dem Gesamtgefüge der Erde wirklich etwas anhaben zu können.

 

Doch zum Ende des Mittelalters änderte sich das. Anfangs kaum merklich, dann immer schneller, brach alles zusammen, was über Jahrtausende als sichere Gewissheit galt: Die Götter bestimmen den Lauf der Dinge. Es gibt Phänomene, die der Mensch nicht erklären kann. Der Mensch sollte seinen Platz im Plan des Schöpfers kennen und akzeptierten.

 

Die Menschen, zuerst in Europa, doch nach und nach in immer mehr Teilen der Welt, weigerten sich, noch länger an den alten Gott im Himmel zu glauben. Sie stellten die alten Gesetze in Frage, glaubten an die Wissenschaft und an die Kraft des eigenen Geistes. Sie erforschten die Phänomene der Natur und lernten, sie zu ihrem Nutzen einzusetzen. Sie erfanden gewaltige Maschinen, die ihnen die Arbeit erleichterten und den Boden aufrissen, um ihm seine Schätze zu entreißen. Die Kohle, die sie auf diese Weise förderten, trieb die Dampfmaschinen an, so wie später das Öl die Kraftwerke, Maschinen und Fahrzeuge am Laufen hielt.

 

Eine Erfindung war es, die diese Entwicklung zwar nicht ermöglichte, aber um ein Vielfaches beschleunigte: Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern. Plötzlich bot sich die Möglichkeit, das neu erworbene Wissen mit anderen zu teilen, über die Grenzen von Raum und Zeit hinweg und ohne die Kontrolle durch die Kirche, deren Klosterbibliotheken bis dahin die Verwalter allen menschlichen Wissens waren.

 

Mit Hilfe des Buchdrucks erweitertete die Menschen ihren Horizont immer weiter und immer rascher. Sie lernten, wie die Welt funktioniert, entdeckten die Naturgesetze, drangen tief und immer tiefer in die Welt der Materie ein, sie erkannten Zusammenhänge, die sie nie zuvor vermutet hätten. Sie waren offen genug, sich überraschen zu lassen, und neugierig genug, um niemals aufzuhören, Fragen zu stellen.

 

Doch sie gaben sich nicht damit zufrieden, zu wissen und ihr Wissen immer weiter wachsen zu lassen.

 

Sie setzten ihr Wissen ein, damit es ihnen besser ging, jedem Einzelnen, ganz persönlich.

 

Kluge Köpfe kamen auf die Idee, wie sich Waren mit Hilfe neuer Techniken billiger und in größerer Anzahl produzieren ließen, die auf dem immer weiter wachsenden Markt von immer mehr Menschen gekauft werden konnten. Wissenschaft galt nicht mehr als Teufelswerk, sondern als Weg, sich die Erde, ganz im Sinne des göttlichen Gebots, untertan zu machen. Sie nannten es die Industrielle Revolution, und sie waren stolz darauf. Sie besiegten Hunger und Krankheiten, schufen Reichtum und Wohlstand für mehr Menschen als jemals zuvor.

 

Die Zerstörungen, die diese neue Gesellschaftform anrichteten, galten und gelten als notwendiges Übel. Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Doch es waren die Späne des Astes, auf dem wir alle sitzen.

Lange waren die Menschen blind für die Folgen ihres Tuns.

 

Und als sie erkannten, was sie um sie herum geschah?

Sie leugneten, etwas damit zu tun zu haben.