Xarix 2

Ich erinnere mich an alles. Natürlich erinnere ich mich auch an die Zeit, als Jonas sich an diesen Mann gebunden hat. Hochgewachsen, drahtig, mager und immer auf den Sprung. Er konnte selten ruhig sitzen, hatte tausend Ideen im Kopf, war neugierig und wollte mehr von der Welt sehen. Die Körper wechseln, doch die Seele bleibt dieselbe.

 

Das Drucken hat er nicht erfunden. Das Verfahren, von einer Vorlage beliebig viele Abzüge zu machen, gab es schon in der Antike und war nicht nur in Europa, sondern auch in Asien bekannt. Nein, das Neue war die Idee, die einzelnen Buchstaben so zu gestalten, dass sie immer wieder neu angeordnet werden konnten.

 

Das Drucken mit beweglichen Lettern war es, was Johannes Gutenberg als Erster erdachte und was ihn zu einem der einflussreichsten Männer in der Geschichte der Menschen machte. Ohne seine Erfindung wäre der Buchdruck in dieser Form vielleicht auch irgendwann erfunden worden - aber vielleicht auch nicht.

 

Ich erinnere mich an seine Werkstatt in Mainz, die er mit den Geldern seiner Geschäftspartner eingerichtet hatte. Für die damalige Zeit war sie überaus modern ausgestattet, die großen Fenster spendeten helles Licht, die Arbeitstische und Werkzeuge waren von bester Qualität.

 

Johannes hatte eine Idee. Eine Vision. Er liebte Bücher, doch die waren damals selten und nahezu unerschwinglich. Jedes Wort, jeder Satz, musste mühsam von Hand abgeschrieben werden. Jedes Buch ein Unikat, einzigartig und ungeheuer wertvoll. Das Wissen, das in diesen Büchern aufgeschrieben stand, war nur wenigen zugänglich. Gelehrten an den Höfen der Herrschenden, Mönchen in den Klöstern, die damals in Europa der Hort des Wissens  waren. In den Bibliotheken des Mittelalters war alles Wissen der Welt gesammelt - und wurde bewacht wie ein gefährliches Tier. Johannes wollte die Bücher aus dieser Gefangenschaft befreien. Seit er einmal bei einem reichen Kaufmann ein mit einem Gebet bedruckten Blatt gesehen hatte, war er wie besessen von der Vorstellung, etwas Ähnliches zu erschaffen. Er lernte alles über das Drucken, was es zur damaligen Zeit zu lernen gab, doch es war ein mühseliges Unterfangen. Die Druckform für jedes Blatt musste mühsam aus einem Holzblock geschnitzt werden. Das dauerte lange, und am Ende hatte man nur die Vorlage für ein einziges Blatt. Und ein Buch bestand aus vielen, vielen Blättern.

 

Auch damals hatte ich mich an eine Krähe gebunden. Die Menschen mochten Krähen schon immer, auch wenn sie in der Geschichte immer wieder verdächtigt wurden, mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Was die Menschen nicht davon abhält, immer wieder Freundschaft mit ihnen zu schließen und über die Klugheit der Tiere zu staunen.

 

Ich besuchte Johannes oft in seiner Werkstatt. Wir Ranger wissen, von welchen Menschen neue Impulse für die gesamte Menschheit zu erwarten sind. Schließlich kennen wir ihre Seelen und wissen, wer besonders neugierig, besonders wissensdurstig oder im Gegenteil zufrieden ist mit dem, wie es ist. Die Seele, die sich an Johannes gebunden hatte, war schon immer ein wacher Geist gewesen, auch in früheren Zeiten hatte sie Werkzeuge und Geräte erfunden, die das Leben der Menschen erleichterten und angenehmer machten. Meine Aufgabe war es, Johannes im Auge zu behalten. Was würde ihm in diesem Leben einfallen? Womit beschäftigte er sich? Welche Folgen würde seine Erfindung für die Entwicklung des Homo sapiens haben?

 

Ich mochte seine Werkstatt, und ich war gerne dort. Er freute sich stets, wenn er mich sah, und bewahrte immer ein paar Leckereien für mich in einer kleinen Truhe auf. Im Sommer standen die Türen der Werkstatt weit offen, das Lärmen der Stadt drang herein, das Hufgeklapper auf dem Kopfsteinpflaster, das Geschrei der Marktleute, das Hämmern aus den anderen Werkstätten. Ab und zu verirrte sich ein Huhn oder ein Schwein herein und wurden von Johannes mal lachend, mal gereizt hinaus gescheucht. Ich hockte gewöhnlich auf einer Truhe oder auf dem Arbeitstisch, beobachtete ihn bei der Arbeit und hörte zu, wenn seine Freunde ihn besuchten und er ihnen von den technischen Problemen erzählte, auf die er gestoßen war, und wie er gedachte, sie zu lösen.

 

Wann immer er nicht weiterkam, litt er furchtbar. Er hielt sich für von Gott verdammt, er schwor sich, gleich am nächsten Morgen sein Hab und Gut zu veräußern, in ein Kloster zu gehen und Abbitte zu leisten für den Hochmut, der ihn hatte glauben lassen, er könnte schaffen, was kein Mensch zuvor geschafft hatte: Das Wort Gottes zu drucken, nicht nur einmal, nicht nur zehn Mal, sondern hundertfach. Aber wie sollte er das schaffen, wenn er schon für die Herstellung einer einzigen Druckform, mit der er eine einzige Seite drucken konnte, mehrere Wochen brauchte? Er war schon kein junger Mann mehr, ihm blieb nicht mehr viel Zeit.

 

An einem Tag, an dem er wieder einmal verzweifelt war, lief auf der Straße vor der Werkstatt ein junges Mädchen vorbei. Sie verkaufte kleine, harte Brote, die sie in einem Korb mit sich führte. Die Brote glichen einander wie ein Ei dem anderen, der ganze Korb war voll davon, zwanzig, dreißig Stück mögen es wohl gewesen sein. In dem Moment, als das Kind vor der offenen Tür der Werkstatt vorbei lief, fiel das Sonnenlicht so auf den Korb, dass die Brote aussahen wie Buchstaben. Kleine Is, unzählige davon.

 

Ich sah das Mädchen und den Korb und die Brote darin.

Johannes schaute mich an und folgte meinem Blick.

Er sah die Brote, die in diesem Augenblick dem Buchstaben I ähnelten.

 

Und er hatte die Lösung gefunden. Er würde nicht eine einzige, große Form bauen, sondern unzählige kleine, für jeden Buchstaben, in großer Menge, die er immer wieder neu zusammensetzen konnte. Ein neue Idee war geboren, die die Kommunikation der Menschen tiefgreifend verändern sollte. Die Welt würde nie wieder so sein, wie sie einmal war.

 

Hätte Johannes das Mädchen überhaupt wahrgenommen, wenn er meinem Blick nicht gefolgt wäre?

 

 

Die Menschen vernichten die Welt, in der sie leben.

Aber wäre es ohne uns überhaupt so weit gekommen? Vielleicht würden sie ohne uns noch immer in Höhlen leben, vor wilden Tieren fliehen und ein Gewitter für einen Zornesschrei ihrer Götter halten. Sie wären trotzdem egoistisch und zerstörerisch, doch die Auswirkungen ihres Handelns wären begrenzt, ihr Einfluss gering. Auch andere Lebenwesen auf diesem Planeten vernichten und zerstören, es sind nicht die Menschen allein. Aber niemand ist so mächtig geworden wie er.

 

Wir wissen nicht, warum Homo sapiens diese verhängnisvolle Entwicklung genommen hat, die fast die Zerstörung des ganzen Planeten zur Folge hat. Aber es ist möglich, dass wir daran einen Anteil haben.

Einfach, weil wir da waren.

 

Die Menschen sind destruktiv, aber sie sind als Spezies nicht böse.

Ihre Vernichtung ist unumgänglich, aber sie ist keine Strafe.

 

Ich beobachte Mila. Sie ist jetzt eine alte Frau, und meine Aufgabe ist es, ihr den Abschied leicht zu machen.

 

Es ist keine Strafe.