Xarix 1

Ich kenne sie schon lange. Unsere Seelen sind sich oft begegnet, auch wenn sie sich nicht daran erinnert. In den freien Zeiten, wenn die Seele ungebunden ist, ist es auch den Bewohnern dieses Planeten möglich, mit uns in Kontakt zu treten. Sie sind durchaus verständig und reagieren entsetzt, wenn sie nach dem Tod des Körpers begreifen, wie viel Leid sie verursacht haben, was für eine Schneise der Verwüstung sie hinterlassen haben. Sie schwören, dass sie beim nächsten Mal alles anders machen werden, dass sie Buße tun werden, dass sie helfen werden, die Welt zu einem besseren Ort zu machen

 

Doch das funktioniert leider nicht.

 

Denn sobald sie sich an einen neuen Körper binden, vergessen sie alles, was sie je gelernt haben.

 

Mit jedem neuen Körper, mit jeder neuen Geburt fangen sie wieder bei Null an. Natürlich ist niemand so dumm und bindet sich, nachdem er gerade ein Mensch gewesen ist, an ein Haustier. Ein Schwein beispielsweise, das ohne Betäubung kastriert wird, oder eine Milchkuh, der ein kurzes Leben in einem Stall beschieden ist, die nie im Leben eine grüne Wiese zu Gesicht bekommt, der man die Kinder noch am Tag der Geburt raubt und deren eitrige Euter schmerzen, jeden Tag, jede Minute. Meistens entscheiden sich die Seelen, die an einen Menschen gebunden waren, für ein Leben als Wildtier, doch auch als Hase, Elefant oder Delfin sterben sie irgendwann. Ihre Seele erinnert sich nur an das letzte Leben, und neugierig, wie sie sind, wollen sie irgendwann ein Leben als Mensch ausprobieren, dieses seltsame Wesen, das überall zu finden ist und das so wundersame Dinge wie Autos und Gewehre erfunden hat. Und die Geschichte geht wieder von vorne los.

 

In diesem Leben heißt sie Mila und ist eine Frau. Im letzten Leben war sie eine Hornisse, davor ein Wombat und davor ein Faultier. Der letzte Mensch, an den sie sich gebunden hat, war ein Mann. Er starb im ersten Weltkrieg im Feuerhagel bei Verdun. Doch natürlich kann sie sich nicht daran erinnern.

 

Manchmal beneide ich die Menschen um diese Gabe des Vergessens. Um den Zauber des Neuanfangs. All die ersten Male, die sie erleben, als hätte noch kein Mensch zuvor sie je erlebt. Die ersten Worte! Die ersten eigenen Schritte! Das erste Mal das Meer sehen! Das Staunen, das Wachsen, das Sich-Lebendig-Fühlen. Doch dieses Leben, das immer wieder von vorn beginnt, hat auch seine Kehrseite. Wenn sie alles vergessen, vergessen sie auch den Schmerz und das Leid – das erlittene und das zugefügte. Könnte Mila mit dem Wissen leben, dass sie vor fünfhundert Jahren als Inquisitor Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrennen ließ?

 

Seit mehr als zehntausend Jahren lebe ich auf diesem Planeten. Für jeden einzelnen von uns, dessen Leben sich in immer wieder neuer Gestalt fortsetzt, ist es eine lange Zeit. Doch verglichen mit dem Alter dieses Planeten, mit dem Alter des Universums ist es nicht mehr als ein Wimpernschlag.

 

Binnen weniger Jahrhunderte schafften die Menschen es, diese Welt zu unterjochen und zu zerstören. Rücksichtslos, selbstzerstörerisch und grausam. Und vor allem: Unumkehrbar.

 

Wir haben diese Entwicklung mit eigenen Augen gesehen und am eigenen Leib gespürt.

Doch wir dürfen nicht eingreifen.

Unser Auftrag lautet: Beoabachten.

Nicht eingreifen.

Auch wenn es schwer fällt. 

 

Lange Zeit genügte es, die Menschen nur aus der Ferne beobachteten. Wir banden uns vor allem an Vögel, denn sie können den Menschen einerseits nahe kommen, andererseits ist die Gefahr, versklavt zu werden, nicht allzu groß. Wir konnten in ihren Lagern leben, ihre Gespräche belauschen, sie bei ihren Tätigkeiten beobachten. Doch je weiter die Entwicklung voranschritt, desto schwieriger wurde es. Die Menschen verbannten immer mehr Tiere aus ihrer unmittelbaren Umgebung, sie schufen eigene Räume für sich selbst und andere für die Lebewesen, die sie jetzt ihr Vieh nannten. Nur wenige Tiere wie Hunde, Katzen und einige Vögel duldeten sie noch in ihrer unmittelbaren Nähe. Das Beobachten wurde leichter, aber auch gefährlicher. Die Nähe des Menschen ist immer gefährlich. Sie mögen friedlich und zugewandt erscheinen, und dann, von einem Moment auf den anderen, schlagen sie die, die sie lieben. Quälen ihre Hunde, um sich an ihrem Leid zu erfreuen. Schlachten die Katze, um in einer Hungersnot zu überleben. Überfahren dich mit dem Auto, weil es ihnen egal ist, ob sie töten.

 

Alles schon erlebt.

 

Wir beobachten, aber so etwas wie eine neutrale Beobachtung gibt es nicht. Jeder Beobachter nimmt ungewollt Einfluss auf das System, das er beobachtet. Umso mehr, je mehr er in das System, das er beobachtet, eingebunden ist.

 

Isaac Newton zum Beispiel. Er sah seinen Hund an – mich, der damals in seinem Haus lebte – und bekam Lust auf einen Spaziergang. Im Garten sah er ein paar Schweine, die sich am Fallobst gütlich taten. Ein Apfel fiel einem der Tiere auf den Kopf – nicht Newton selbst, wie die Legende es später erzählte. Das Tier quiekte erschrocken auf, und Newton kam die Idee zur Gravitation.

 

Hätte Newton ohne mich diesen Spaziergang gemacht?

Hätte er ohne das quiekende Schwein je den Impuls erhalten, die Physik zu erfinden?

 

Und Newton war bei Weitem nicht der Einzige. Wir beeinflussen unsere Umgebung bereits, wenn wir uns an Tiere binden. Um so mehr, wenn wir als Menschen leben. Das war nie vorgesehen, aber vor etwas mehr als fünfhundert Jahren wurde das unumgänglich. Mit der Erfindung des Buchdrucks stand den Menschen eine Möglichkeit zur Verfügung, sich auszutauschen, ohne dem Gesprächspartner von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu sitzen. Wir Ranger können die menschliche Schrift zwar auch in Gestalt eines Hundes oder einer Katze entziffern, so wie wir auch ihre Sprache verstehen, gleichgültig, an was für ein Lebewesen wir uns binden. Aber aus verständlichen Gründen war es nicht möglich, als Hund oder Katze in die Bibliothek zu spazieren und in den Büchern nachzulesen, womit sich die Menschen gerade beschäftigten. Wir haben es versucht. Dabei hätten wir ahnen können, wie Menschen reagierten, wenn sie ihre Haustiere bei der Lektüre philosophischer Abhandlungen oder wissenschaftlicher Folianten ertappten: Sie unterstellten uns Hexerei und Paktiererei mit dem Teufel. Der Tod auf dem Scheiterhaufen war jenen gewiss, die nicht rechtzeitig fliehen konnten.

 

Also mussten wir uns auch an Menschen binden.

Wir versuchten, im Hintergrund zu bleiben. Wir griffen nicht aktiv in das Geschehen ein.

Trotzdem beeinflussten wir das Geschehen, ob wir wollten oder nicht. Unsere Gegenwart wirkt beruhigend auf die Menschen. Oft wurden Menschen allein durch unsere Anwesenheit inspiriert. Wir haben – unbeabsichtigt und in den Momenten unwissentlich – zu der Entwicklung beigetragen, die den Homo sapiens jetzt an den Rand des Abgrunds geführt hat.

 

Hätten wir die Entwicklung kommen sehen müssen?

Hätten wir den Homo sapiens aufhalten müssen?

 

Wir kamen als Beobachter.

Und sind gescheitert.