Talbert

2 Jahre

Das Virus? Was ich davon halte?

 

Hab schon länger nichts mehr davon gehört. Nach diesem Hype damals vor zwei Jahren ist es ja ziemlich still um die Sache geworden. Klar, ganz aus der Welt ist es nicht, es gibt noch genügend Spinner, die einem was von diesen Aliens erzählen wollen. Ranger. Wenn Sie mich fragen, ticken diese Leute nicht ganz richtig.

 

Was sagen Sie? Man hat festgestellt, dass tatsächlich dieses Virus die Menschen unfruchtbar macht? Interessant. Wusste ich noch gar nicht. Wissen Sie, sobald es irgendwie um Viren, Klima oder Aliens geht, schalte ich einfach ab. Ich kann es echt nicht mehr hören.

 

Die Menschen haben doch schon immer bei jeder größeren Veränderung gedacht, dass jetzt der Weltuntergang vor der Tür steht. Wissen Sie noch, die Gallier bei Asterix? Schon die hatten Angst, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt. Der Halley'sche Komet hat die Menschen früher regelmäßig in Panik versetzt. Oder die Zeugen Jehovas - die sind jetzt natürlich voll im Aufwind. Die Welt geht unter, und wir haben es schon immer gewusst!

 

Natürlich verändert sich diese Welt! Der technische Fortschritt, die Digitalisierung, die Entwicklung von künstlicher Intelligenz … Beim Autobau gehen Millionen in die Erprobung des autonomen Fahrens, das erlebe ich ja selbst jeden Tag. Künstliche Intelligenz, die Energiewende – ein Riesenprojekt, bei dem man besser nichts überstürzen sollte. Klar, dass das den Leuten Angst macht. Kann ich ja irgendwie auch verstehen. Wenn ich mir so meine alte Mutter ansehe … fünfundachtzig Jahre alt und komplett überfordert. Ich habe ihr jetzt ein Smartphone besorgt, mit so einer Spezialsoftware für Senioren. Selbst das ist ihr noch zu viel, obwohl das echt idiotensicher ist. Die hat irgendwo was aufgeschnappt, dass die Menschheit jetzt ausstirbt, und macht sich jetzt Sorgen, wer dann für sie einkaufen geht, wenn ihre Nachbarin nicht mehr da ist, um ihr mal eine Tüte Milch oder zwei Eier mitzubringen. Es ist ihr einfach nicht beizubringen, dass das alles nur Panikmache von ein paar Spinnern ist, und dass, selbst wenn die Menschen tatsächlich aussterben würden, sie selbst das gar nicht mehr erleben würde, in ihrem Alter.

 

Wenn ich so überlege, was meine Mutter schon alles mitgemacht hat ... Sie wurde kurz vor dem Krieg geboren und ist noch in ganz einfachen Verhältnissen auf dem Land aufgewachsen. Sie musste sich ein Bett mit ihrer Schwester teilen und jeden Tag sieben Kilometer zur Schule laufen. Es gab kein Fernseher, kein Telefon, keine Zentralheizung. Ich erinnere mich, dass sie oft von den Waschtagen erzählt hat, wenn sie mit ihrer Mutter in der Waschküche stehen und den ganzen Tag im heißen Wasser die Wäsche schrubben musste. Gekocht wurde auf einem alten Kohleofen, Fleisch gab es nur an Feiertagen, sonst nur Kartoffeln und Kohl. Da wurde nichts weggeworfen, da kam nichts in den Müll, das man vielleicht noch mal brauchen könnte. Alles wurde gesammelt und gehortet, teilweise bis heute. Meine Mutter ist eine einfache Frau. Sie lebt von ihrer Witwenrente in ihrer kleinen Zweizimmerwohnung, sie hat es warm, einen neuen Fernseher, Radio und Telefon. Mikrowelle, E-Herd, Warmwasser aus dem Wasserhahn und einen Aufzug im Haus. Alles selbstverständlich heute, aber stellen Sie sich mal vor, was für Veränderungen diese Frau in ihrem Leben erlebt hat! Allein das Telefonieren ... früher musste sie bei einem Notfall zum einzigen Lebensmittelladen im Dorf laufen, oder zum Pfarrer, das waren die einzige Telefone im Dorf, vermutlich noch diese klobigen schwarzen Dinger mit Wählscheibe. Jahre später erst, als sie schon mit ihrem Mann in der Stadt lebte, bekamen sie dann ein Telefon in ihre Wohnung, und jetzt hat sie ein Mobiltelefon, mit dem sie mich von überall aus anrufen kann. Was sie leider auch häufig macht.

 

Für die jungen Leute heute ist diese ganze Technik selbstverständlich, aber sie haben absolut keine Ahnung, wie das alles funktioniert. Habe ich ja, ehrlich gesagt, auch nicht unbedingt. Ist ja auch alles viel zu komplex und kompliziert geworden. Wenn Sie früher die Motorhaube von einem Auto aufgemacht haben, haben Sie sofort gesehen, was Sache ist. Mit einem Satz Schraubenschlüssel, Zange und Hammer haben Sie jeden Motor wieder hinbekommen, zumindest soweit, dass er es in die nächste Werkstatt schafft. Und heute? Heute brauchen Sie einen Computer, um rauszukriegen, was der Wagen hat. Und einen zweiten, um ihn zu reparieren. Früher konnten Sie, wenn Sie keine Scheu hatten, sich die Hände schmutzig zu machen und nicht völlig vernagelt waren, Ihren Wagen fast selbst auseinander und wieder zusammenschrauben. Und heute? Bei manchen neuen Modellen müssen Sie, wenn die Scheinwerfer defekt sind, in die Werkstatt und neue einbauen lassen. Wohlgemerkt, neue Scheinwerfer, nicht nur neue Leuchtmittel. Unter fünfhundert Tacken kommen Sie da nicht wieder raus.

 

Aber was soll's - Fortschritt hat eben seinen Preis. Manche ärgern sich ja, dass man sich die Sachen ständig neu kaufen soll, anstatt sie reparieren zu lassen. Klar, das geht ja auch mächtig ins Geld. Aber hey - wer nie was Neues braucht, klebt ewig am Alten fest. Leben ist Veränderung! Ich jedenfalls will nicht mit so einem alten Smartphone rumlaufen, nur weil's noch funktioniert. Spätestens nach zwei Jahren brauche ich was Neues. Wer nicht mit der Zeit geht, ist schneller abgehängt, als er bis drei zählen kann.

 

Meine Tochter ist das ganz anders. Bei ihrem letzten Besuch wollte ich ihr ein neues Handy kaufen, sie hat noch so eine ganz alte Gurke. Nee, sagt sie zu mir, lass man, das geht doch noch. Und dann erzählt sie mir, wie viele Rohstoffe in so einem Handy stecken und dass dafür irgendwelche Menschen irgendwo auf der Welt leiden müssen, und das mit der Entsorgung sei ja auch schwierig, da landen dann unsere alten Handys irgendwo in Afrika auf einer Müllkippe und bringt Leute um.

 

Ich habe irgendwann abgeschaltet und nicht mehr zugehört. Sechzehnjährige können echt anstrengend sein.

 

Dabei bekomme kaum etwas von ihr mit. Meine Frau und ich haben uns getrennt, als Mila fünf war. Kennengelernt haben wir uns hier in München an der Uni. Ich studierte Maschinenbau, Elena Mathematik. Ziemlich bald nach Milas Geburt wollte sie zurück in den Norden. Ihr hat es hier unten nicht gefallen. Oder hat sie es nur mit mir nicht ausgehalte? Ihr fehlt das Meer, sagte sie damals. Und mir würde da oben meine Arbeit fehlen, sagte ich. Autos werden nun einmal im Süden gebaut, und Elena hat von Anfang an gewusst, worauf sie sich einlässt, als sie mich geheiratet hat.

 

Seit der Trennung sehe ich Mila nur noch selten. Einmal im Jahr, in den Sommerferien, und manchmal noch zwischendurch, wenn ich es mal in den Norden schaffe. Ab und zu telefonieren wir, und wir sind bei Facebook befreundet, obwohl ich glaube, dass ihr das peinlich ist. Mila glaubt, dass es diese Aliens tatsächlich gibt. Sie hat sich testen lassen und hat mir erzählt, dass sie auch das Virus hat und unfruchtbar ist. Nun ja. Das Virus ist wohl ziemlich weit verbreitet, und Unfruchtbarkeit kann viele Ursachen haben. Ob es da wirklich einen Zusammenhang gibt – ich weiß nicht. Kennen Sie noch dieses eine Lied, das man im Bus auf der Klassenfahrt gegrölt hat, oder später besoffen in der Kneipe? Die Wissenschaft hat festgestellt, festgestellt, festgestellt, dass Marmelade Fett enthält, Fett enthält. Drum essen wir auf jeder Reise, jeder Reise, jeder Reise, Marmelade eimerweise, eimerweise.
Marmelade, Marmelade, Marmelade, die essen wir alle so gern. Total bescheuert, und jetzt habe ich einen Ohrwurm.

 

Worauf ich hinaus will: Die Wissenschaftler haben das jetzt vielleicht rausgefunden, aber erstens können auch die sich irren, und zweitens heißt das gar nichts. Eigentlich sollten wir froh sein, dass die da so schnell hintergekommen sind - wenn man bedenkt, dass die Menschen Krankheiten und Seuchen über Jahrtausende als Strafe Gottes oder so was ansahen - und heute geht's ruckzuck, und wir wissen, was so ein Virus im Körper anstellt. Und ich wette mit Ihnen, dass es nicht lange dauert, bis irgendein schlauer Kopf ein Gegenmittel entwickelt. An dem Institut, an dem an dem Virus geforscht wird, arbeitet übrigens meine Schwägerin, Elenas Schwester. Kira war schon damals ganz besessen von ihrer Arbeit, man durfte sie auf gar keinen Fall danach fragen - was sie eigentlich genau macht, wie groß der Einfluss der Gene wirklich ist, wie genau Gene eigentlich funktionieren, solche Sachen eben - dann hat sie einen den ganzen Abend vollgetextet. Sie ist ziemlich intelligent, glaube ich, aber sie hat auch was von einem Fachidioten. Mila erzählt öfter von ihr, die beiden scheinen gut miteinander auszukommen. Aber wenn Kira an diesem Virus forscht, ist natürlich auch klar, warum Mila so hysterisch ist und ständig davon erzählt. Sie bekommt ja vermutlich alles von ihrer Tante vorgekaut.

 

Wissen Sie, ich habe ja nichts gegen Forschung oder Wissenschaft. Ich arbeite ja selbst in einem Forschungslabor, ich weiß also, wie der Hase läuft. Aber diese Akademiker in ihrem Elfenbeinturm … die sind so abgehoben, die wissen doch gar nicht, worum es im Leben wirklich geht. Die hocken da über ihren Mikroskopen und zählen die Moleküle und die Higgs-Teilchen oder weiß der Teufel was, aber vom wahren Leben haben die doch keine Ahnung. Wir Ingenieure sind es, die tatsächlich die Zukunft gestalten. Wir sind diejenigen, die neue Technologien zum Laufen bringen. Wir sind diejenigen, die sich fragen: Wie kann das im Alltag funktionieren? Wir sind diejenigen, die ganz nah dran sind und wissen, was die Leute wollen.

 

Und was wollen sie?

 

Ein stressfreies Leben. Technik, die das Leben erleichtert. Und dazu etwas Spaß und das Gefühl von Freiheit und Abenteuer.

Die Menschen brauchen niemanden, der ihnen sagt, sie seien schlecht und böse.

Das will doch kein Schwein hören.