Talbert

15 Jahre

Ab und zu gehe ich runter in die Garage. Schließe die Tür auf, ziehe vorsichtig die Plane zurück und betrachte andächtig meinen M240i. Ich habe ihn in all den Jahren gut gepflegt, auch wenn es immer schwieriger wird, die Ersatzteile dafür zu bekommen. Neulich wollte ich Polierpaste kaufen - gab's nicht.

 

Wozu brauchen Sie denn diesen Mist, hat mich der Verkäufer gefragt.

Ich habe mich umgedreht und bin gegangen.

 

Fahren tue ich den Wagen nur noch selten. Bei den Spritpreisen? Sechzig, siebzig Tacken der Liter? Letztes Jahr bin ich siebzig geworden, da habe ich mir eine Spritztour gegönnt. Einmal raus ins Umland. Ich wollte eigentlich in diesen einen Biergarten, eine knappe Stunde Fahrt entfernt, in dem ich früher ab und zu mit Elena war, aber den gab es gar nicht mehr. Das ganze Dorf gab es nicht mehr, um genau zu sein. Das heißt, die Häuser standen noch, aber niemand hat darin gewohnt. War fast unheimlich, dieses Geisterdorf, als ich da so ganz allein durchgelaufen bin. Manche Gebäude standen schon länger leer, das hat man gesehen: Die Fensterscheiben waren zerbrochen, Gras wuchs in den Regenrinnen, die Gärten waren verwildert und zugewuchert. Bei der alten Gastwirtschaft standen noch ein paar Biertische draußen auf der Terrasse. Sah irgendwie traurig aus, das Ganze.

 

Ich hab zugesehen, dass ich wieder nach Hause komme. Und dabei musste ich verdammt aufpassen, dass ich mir in der Holperpiste keinen Achsbruch hole. Ein Schlagloch nach dem anderen, mehr als 40, 50 KaEmHa waren nicht drin. Verdammt, mein Coupé ist doch kein Geländewagen! Ich war froh, als ich wieder in der Stadt war. Ab in meine Stammkneipe und ein ordentliches Bier bestellt. Das hatte ich mir verdient.

 

Klar bekomme ich mit, wie alles den Bach runter geht. Bin ja nicht bescheuert, und Mila erzählt es mir ja auch alles immer haarklein, wenn wir skypen oder telefonieren. Sie war schon ewig nicht mehr hier. Keine Zeit. Zu teuer. Ich glaube ja, das sind nur Ausreden - andererseits war ich ja auch schon ewig nicht mehr oben im Norden. Mit dem Auto können Sie die Fahrt vergessen, für das Geld hätte ich früher sechs Wochen nach Bali fliegen können. Heute fliegen so gut wie gar keine Flugzeuge mehr - ich habe Bilder gesehen von Flugzeugfriedhöfen, wo die Maschinen vor sich herrotten. Und mit dem Zug? Die Bahn steckt schon seit Jahren kein Geld mehr in die Züge oder die Netze. Alles alt und schrottig. Die Fahrt von München nach Hamburg hat früher mal sieben einhalb Stunden gedauert. Heute sind es gut achtzehn Stunden. Wenn Sie Glück haben.

 

Schön ist das ja nicht, wie das alles verfällt. Ich meine, so direkt bekomme ich davon ja kaum was davon mit. In meiner Gegend stehen keine Häuser leer, in den Geschäften gibt es noch so ziemlich alles zu kaufen, auch wenn ein paar Sachen heute teuer sind als früher. Fleisch oder Brot zum Beispiel. Aber was soll's. Die fetten Jahre sind eben vorbei. Wenn ich zur Arbeit fahre, fällt mir eigentlich auch nichts Besonderes auf - außer natürlich, dass heute kaum noch jemand Auto fährt. Kaum zu glauben, wie schnell das ging - und ganz ohne irgendwelche neuen Gesetze oder Verbote. Ich meine, erlaubt ist es ja immer noch, auch wenn man inzwischen angeglotzt wird, als hätte man Lepra oder so was. Aber nachdem im Krieg ein paar Ölfelder bei den Saudis abgefackelt sind und die USA nichts mehr nach Europa liefern, war es ganz schnell vorbei mit den bezahlbaren Spritpreisen. Die Ökos haben sich natürlich gefreut - haben sie doch noch ihren Willen bekommen.

 

Tja, ganz ehrlich - das hätte ich auch nicht gedacht, dass ich mit meinen siebzig Jahren noch arbeiten muss. War mal anders geplant gewesen, aber was soll's. Allerdings baue ich keine Autos mehr, was echt bitter ist. Aber es lohnt sich einfach nicht mehr - kein Schwein kauft noch Autos mit Verbrennungsmotor, und die Elektroautos laufen ... na ja, beschissen. Kein Autobauer leistet sich heute noch eine Forschungsabteilung, wozu auch?

 

Ich bin jetzt bei einer Firma, die KIs herstellt. Roboter. Pflegeroboter, um genauer zu sein. Die Leute werden immer älter, und es gibt immer weniger Junge, die die Alten pflegen können. Der Hauptteil der Forschung ist längst getan - Japan und China waren wesentlich schneller und haben schon vor Jahren damit angefangen. Wir in Europa hinken da noch hinterher. Wir arbeiten uns eher so an Details ab - wie kann man diese Dinger möglichst menschenähnlich machen, damit die alten Leutchen keinen Herzkasper bekommen, wenn ihnen so eine Maschine den Arsch abwischt. Ist doch so - ich hätte auch keinen Bock drauf, dass sich da ein R2D2 an meinem Allerwertesten zu schaffen macht. Aber ich hoffe mal, dass es gar nicht dazu kommt. Einschlafen und einfach nicht wieder aufwachen - das wär das Beste.

 

Aber im Großen und Ganzen kann ich mich echt nicht beklagen. Wenn das der Weltuntergang sein soll - meinetwegen. Die paar Jährchen bekomme ich auch so noch rum, und solange es noch für mein Bier und ab und zu mal ein ordentliches Steak reicht, soll es mir recht sein.

 

Klar, ich weiß, dass ich da echt Glück habe. Natürlich kenne ich die Bilder aus Afrika, wo sie wie die Fliegen sterben. Ist da nicht gerade wieder irgendeine Seuche ausgebrochen, die keiner bekämpfen kann, weil man keine Ärzte und keine Medikamente in die Gegend schaffen kann? Natürlich tun mir die armen Schweine da unten leid, aber herrje, was kann ich denn dafür? Habe ich die Leute angesteckt? Bin ich verantwortlich für den hohen Ölpreis? Habe ich etwa dieses bescheuerte Virus erfunden?

 

Mila versucht ja manchmal, mich dazu zu bewegen, bei diesem Aufräumen mitzumachen. Wir brauchen Leute wie dich, sagt sie neulich doch glatt zu mir. Leute mit technischem Sachverstand, die wissen, was in dem ganzen Schrott verbaut ist und wie man ihn am besten entsorgt. Als hätte ich mir darüber jemals Gedanken gemacht! Ich war für die Entwicklung von Neuem zuständig, nicht für die Verschrottung von Müll, den niemand mehr braucht!

 

Wenn es nach mir ginge, können diese Spinner vom Aufräumen sich die Mühe echt sparen. Ich meine, wenn kratzt es denn, ob in ein paar hundert Jahren noch irgendwelche Kraftwerke in der Gegend herumstehen? Die Natur wird sich schon irgendwie damit arrangieren, das tut sie doch immer. Und falls es diese bescheuerten Aliens tatsächlich gibt - ich sage falls, weil ich immer noch nicht an diesen Schwachsinn glaube - dann sollen die doch eine Putzkolonne zu uns runterschicken. Die haben uns den ganzen Scheiß doch auch eingebrockt.

 

Nee, ich hab's echt nicht schlecht getroffen. Ich kann mir fast alles leisten, hab ein paar nette Kumpels, mit denen ich ab und zu ein Bier trinken und mir ein Fußballspiel ansehen kann, und ich habe sogar noch einen Job, der ganz okay ist. Ich wohne allein und kann mein eigenes Ding machen. Klar fehlt mir manchmal ein bisschen weibliche Gesellschaft, wenn Sie wissen, was ich meine, aber herrje - in meinem Alter ist das auch nicht mehr so wichtig. Die paar Jährchen, die mir noch bleiben, werde ich mir so behaglich wie möglich machen, und dann ohne viel Firlefanz abtreten. Um die Mila mache ich mir keine Sorgen, die wird ihren Weg schon finden.

 

Sie glaubt zwar immer noch, dass das jetzt der Untergang der Menschheit ist ... Wenn's ihr Spaß bringt, meinetwegen.

Ich halte mich da raus.