Talbert

10 Jahre

Du siehst gut aus.

Danke.

 

Meine Tochter ist zu einer hübschen jungen Frau herangewachsen. Sie sieht ihrer Mutter ähnlich, nur dieser feste Zug um den Mund fehlt bei Elena völlig. Oder zumindest bei der Elena, an die ich mich erinnere. Ich habe meine Ex seit Jahren nicht mehr gesehen.

 

Mila verzieht das Gesicht, als ich ihr die Autotür aufhalte. Ich habe sie vom Bahnhof abgeholt – hat sie erwartet, wir würden jetzt eine Stunde mit der Straßenbahn fahren? Oder gar zu Fuß laufen? Jedenfalls nicht mit mir.

 

Du hast noch ein Auto?

Ich bin Autobauer. Das weißt du doch.

Na super. Sie ist noch keine fünf Minuten hier, und schon streiten wir uns.

 

Vorsichtig starte den Wagen. Ich fahre noch mein altes BMW Coupé – der einzige Luxus, den ich mir noch gönne. Der Treibstoff ist so teuer geworden, dass mich die Fahrt von meinem Vorort zum Bahnhof fast einen halben Tageslohn kostet, aber ich hänge nun einmal an dieser Kutsche. Ich hole sie nur noch selten aus der Garage, und allmählich denke ich, ich hätte sie wohl auch heute besser stehen lassen. Milas kaltes Schweigen nervt.

 

Und dann die Blicke der Menschen auf der Straße. Ab und zu ein bewunderndes Nicken, wenn ein Kenner meinen gutgepflegten Wagen betrachtet, doch die meisten sehen mich an, wie man früher die Bettler auf der Straße angesehen hat. Ich hoffe nur, dass wir hier unbeschadet rauskommen. Erst vor zwei Monaten haben sie Boris, einem Kollegen von mir, das Auto zertrümmert, einen wunderschönen BMW 6er, weil er es gewagt hat, mit dem Wagen zum Theater zu fahren.

Es hat ihm das Herz gebrochen.

Die Autofahrer von heute sind die neuen Hexen. Vogelfrei und zum Abschuss freigegeben.

 

Als wir auf der Ausfallstraße sind, die zu meinem Vorort führt, kann ich endlich Gas geben. Es sind kaum noch Autos unterwegs, aber in der Innenstadt sind die Fahrbahnen verstopft mit Fußgängern und Radfahrern. Ich merke, wie Mila sich zusammenreißen muss, um nicht zu explodieren.

 

Es ist der einzige Spaß, den ich noch habe, sage ich. Davon wird die Welt schon nicht untergehen.

Lange Zeit sagt sie nichts. Erst, als wir fast zu Hause sind, macht sie den Mund auf.

Hast du kein schlechtes Gewissen?

Nein.

 

Ich weigere mich, mir irgendwelche Schuldgefühle einreden zu lassen.

 

Danach hält sie mir einen stundenlangen Vortrag über den Zustand der Welt. Der Klimawandel! Die Umweltzerstörung! Das Artensterben! Ich kann es nicht mehr hören.

Mila sieht mich an, als wären mir zwei Hörner gewachsen. Du leugnest die Realität.

Nein, das tue ich nicht. Aber du tust so, als sei alles scheiße, was wir Menschen je getan oder erschaffen haben.

Ist es das nicht?

Nein. Wir sind Erfinder und Tüftler. Wir können Lösungen für Probleme entwickeln, die lange Zeit als unlösbar gelten. Und dann, eines Tages, sagt jemand: Ich hab‛s. Wir haben Krankheiten besiegt. Wir haben Geräte und Maschinen erdacht und gebaut, die das Leben von Millionen Menschen vereinfachen, erleichtern oder sogar retten. Ohne diesen Fortschritt würden wir heute noch in Höhlen hausen. Wäre dir das lieber?

 

Sie zuckt die Schultern. Für diesen Planeten wäre es auf jeden Fall besser gewesen. Und letztlich auch für uns, weil es dann niemals nötig geworden wäre, uns zu vernichten.

Niemand will uns vernichten. Das Virus ist durch natürliche Mutation entstanden.

Sie sieht mich spöttisch an. Und der Klimawandel ist auch nur ein Märchen?

Das nicht. Aber ob er wirklich menschengemacht ist?

 

Sie wendet sich ab und öffnet die Tür. Wir sind längst angekommen und sitzen immer noch im Auto vor dem Haus. Ich will nicht mit ihr streiten, aber ich komme nicht dagegen an: wenn ich sehe, wie verblendet sie ist, wie sehr sie sich hineinsteigert in dieses Gefasel von der destruktiven Natur des Menschen. Homo capitalis – wer sich diesen Namen ausgedacht hat, gehört gevierteilt und erschlagen. Mit einem Wort wird alles zunichtegemacht, was die Menschheit je geleistet hat. Jede technische Entwicklung, jede politische und soziale Errungenschaft wird damit beiseite gewischt, als sei es nichts wert. Früher, als unserer Vorfahren sich in Höhlen vor dem Säbelzahntiger versteckten und Mammuts jagten, herrschte der, der die dickste Keule hatte. Wer sich nicht anpasste, wurde gnadenlos fertiggemacht. Wer aufmuckte, bekam eins in die Fresse. Heute haben wir eine Demokratie, hier in Europa und vielen anderen Ländern auf der Welt. Wenn es Streit gibt, dann reden wir, anstatt uns zu prügeln. Wir hören uns an, was der andere zu sagen hat, anstatt ihn umzubringen. Zählt das denn gar nichts? Heute sterben weniger Menschen durch Gewalt und Kriege als je zu vor, obwohl heute mehr Menschen auf der Erde leben als je zuvor. Die Menschen sterben nicht mehr so häufig an Krankheiten, die Lebenserwartung ist so hoch wie nie zuvor, es leben mehr Menschen in Frieden und Wohlstand, als zu jeder anderen Zeit, seit es Menschen gibt. Es wird nicht alles immer schlimmer. Im Gegenteil.

 

Sag das mal den Insekten. Oder den Eisbären. Den Walen.

Ich habe nie einen Eisbären getötet. Auch nie einen Wal erlegt. Und ich weigere mich, mir dafür die Schuld in die Schuhe schieben zu lassen.

Trotzdem ist dieser Planet am Ende. Und niemand will es gewesen sein.

Weil du niemanden persönlich dafür verantwortlich machen kannst. Du brauchst gar nicht so vielsagend mein Auto anzuschauen. Dieses eine Auto hat keinen einzigen Eisbären umgebracht. Und es wäre auch keiner gerettet worden, wenn ich nicht damit fahren würde.

Lange Zeit sagt sie nichts mehr.

 

Später frage ich sie, ob sie eigentlich bedauert, dass sie keine Kinder bekommen kann. Ihre Mutter hatte sich viele Kinder gewünscht, aber mir hat es nach einem gereicht.

Sie schüttelt den Kopf. In diese Welt Kinder setzen?

 

Endlich mal ein Punkt, in dem wir uns einig sind. Hast du gestern die Bilder von der letzten Einschulung in Deutschland gesehen? Zweiundsiebzig Kinder im ganzen Land. Was für ein Riesentheater die da veranstalten! Die armen Kinder! Sie werden immer die Kleinen bleiben. Sie werden immer die Jüngsten sein. Die Älteren werden ihnen immer sagen, wo es lang geht.

Genau das ist das Problem, sagt sie. Die Welt hat immer auf die Älteren gehört, und wohin hat es uns gebracht? Doch dieses Mal lächelt sie dabei. Traurig und ein wenig müde.

 

Sie ist unterwegs zu einer Konferenz und bleibt nur zwei Tage. In der Zeit, in der sie bei mir ist, gehen wir viel spazieren und genießen den milden Winter. Die Biergärten haben geöffnet, mitten im Januar, und die Menschen sitzen draußen in der Sonne. Manchmal vermisse ich den Schnee und das Skifahren, doch die Gletscher in den Alpen sind endgültig verschwunden.

 

Abends essen Mila und ich in guten Restaurants. Es macht mir Spaß, eine schöne junge Frau auszuführen. Sie reißt sich zusammen, wenn ich mir Fleisch bestelle, und ich ziehe sie dafür nicht auf, als sie nur in ihrem Salat herumstochert. Wir haben eine Art Waffenruhe geschlossen und meiden die heiklen Themen. Mir ist es ganz recht. Ich will die Zeit mit meiner Tochter genießen und mir keine Vorwürfe anhören müssen. Ich verstehe nicht, was sie und all die anderen Schwarzmaler davon haben, dass sie ständig vom Ende der Menschheit reden. Okay, es werden kaum noch Kinder geboren … aber wer sagt denn, dass es ewig so bleiben wird? Bei jedem Virus gibt es ein paar Individuen, die dagegen immun sind. Und wenn nicht … dann gibt es noch die Millionen gefrorenen Eizellen und Samenspenden, die in den Samenbanken überall auf der Welt lagern, gut gesichert in Hochsicherheitstrakten, rund um die Uhr bewacht. Die eiserne Reserve, für den Ernstfall.

 

Aber manchmal frage ich mich: Wie ernst muss der Ernstfall denn noch werden?

 

Als Mila sich verabschiedet, sagt sie: Mach‛s gut, Papa.

 

Sie hat mich seit Jahren nicht mehr Papa genannt.