Mila 3

Mein Vater starb fünfzehn Jahre, nachdem das Virus in der Welt war, an einem Herzinfarkt bei der Arbeit. Drei Jahre später setzte Kira ihrem Leben ein Ende. Sie nahm eine der Pillen, die damals verteilt wurden, weil es viel zu viele Alte und Verzweifelte gab, die niemand mehr versorgen konnte.

 

In dieser Zeit entschieden sich viele Menschen, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Aus Angst, aus Sorge vor einer Zukunft, die nicht wie für alle vorigen Generationen sich einfach immer weiter spinnen würde, im Guten wie im Schlechten, sondern die irgendwann einfach aufhören würde. Aus. Ende. Vorbei. Ein Abgrund, in den die Menschen wie die Lemminge herunterstürzten.

 

Danach wurde es ruhiger. Die Menschen fanden sich damit ab, dass sie die letzten ihrer Art sein würden. Diejenigen, die diesen Gedanken nicht ertrugen, brachten sich um. Die anderen machten das Beste daraus und bereiteten sich so gut es ging vor.

 

So wie Jonas und ich.

 

Ich bin bei ihm, als er stirbt, und als ich danach hinaus in den Garten trete, sehe ich die Krähe in der Weide sitzen. Sie beobachtet mich aufmerksam und legt dabei den Kopf schräg. Als ich mich auf die Bank vor dem Haus sinken lasse, noch ganz betäubt davon, jetzt allein zu sein, kommt sie angeflogen, setzt sich auf die Rückenlehne und streicht mir mit dem Schnabel durchs Haar.

 

Jonas ist tot, sage ich, obwohl sie Bescheid wissen wird.

 

Sie bleibt noch einen Moment bei mir, dann fliegt sie davon.

 

Die Krähe ist nur eine von vielen Rangern, die ich im Laufe meines Lebens meine erkannt zu haben. Von Anfang an war das eine beliebte Beschäftigung: Zu erraten, wer ein Ranger sein könnte und wie sich das feststellen ließe. Die meisten Menschen, die ich kannte, waren einfach nur neugierig und hätten sich gerne einmal mit einem dieser fremden Wesen unterhalten. Worin unterscheiden sie sich von uns? Gibt es in ihren Welten tatsächlich keine Waffen, keinen Kriege, keine Gewalt? Leben sie wirklich ewig?

 

Ich glaube, dass unter den letzten Menschen sehr viele Ranger sind und dass sie uns dabei geholfen haben, die Reste der menschlichen Zivilisation zurückzubauen. Eine Zeitlang hatte ich sogar Jonas in Verdacht, einer von ihnen zu sein. Er war so klug, hatte so gute Ideen und war stets besonnen und gleichmütig. Ihm schien es nichts auszumachen, dass die Menschheit ausstirbt, im Gegenteil. Einmal fragte ich ihn sogar, ob er ein Ranger sei, obwohl ich wusste, dass sie sich niemals zu erkennen gaben.

 

Er lachte.

Leider nicht, sagte er.

Und ich glaubte ihm. Ich weiß nicht, warum, aber ich glaubte ihm.

 

Ich würde die Krähe gerne fragen, ob sie ein Ranger ist. Was kann es jetzt noch schaden, wenn sie sich uns offenbaren? Aber was würde mir dieses Wissen bringen? Wäre der Trost, den sie mir spendet, geringer oder stärker? Würden sich meine Gefühle ihr gegenüber ändern?

 

 

Am Tag nach Jonas' Tod stehe ich im Garten, die Schaufel in der Hand. Wir haben vorher darüber gesprochen, wo wir liegen möchten, wenn es so weit ist. Jonas hat sich eine Stelle hinten auf der Wiese ausgesucht, gleich bei meiner Bank, von der aus man bis zum Fluss blicken kann. Wenn ich als Erste gestorben wäre, hätte er mich unter dem Pflaumenbaum auf der Obstwiese begraben, dort, wo auch Kira begraben liegt. Kira, mein Hund, nicht Kira, meine Tante. Seit vier oder fünf Sommern ruht er dort, ein wunderschöner Golden Retriever mit fast weißem Fell. Wir bekamen sie als jungen Welpen, und sie erinnerte mich sofort an meine Tante: derselbe wache Blick, gepaart mit dieser tiefen Traurigkeit. Sie sah mich an, als ich mit Jonas zum ersten Mal bei unseren Nachbarn war, deren Hündin gerade geworfen hatte, und am liebsten hätte ich sie sofort mitgenommen.

 

Das ist Kira, sagte ich zu Jonas, als wir zurück zu unserem Haus gingen.

Jedenfalls ein Teil von ihr, sagte er.

Sie hat es gewiss so eingerichtet, dass wir uns noch einmal wiedertreffen.

Ob ihr das auch klar ist? Wir vergessen doch alles, was vorher war, sobald wir uns an einen neuen Körper binden.

Aber vielleicht bleibt ja doch etwas. Der Hauch einer Erinnerung, das flüchtige Gefühl, jemandem schon einmal begegnet zu sein. Kennst du das nicht?

Doch, sagte er.

 

Ich hole tief Luft und fange an, zu graben. Der Boden ist fest, die Arbeit ist schwer, und ich weiß, dass ich lange brauchen werde, um eine Grube auszuheben, die Jonas' starren Körper aufnehmen kann. Ich meine fast, sein leises Lachen zu hören: Glück gehabt, dass ich als Erster gegangen bin. Die Arbeit bleibt mir wenigstens erspart.

 

Doch auch mir bleibt diese Arbeit erspart.

Ich höre Schritte auf dem Kiesweg hinter mir und drehe mich um.

Ein junger Mann nähert sich mir und lächelt mich an.

Jung? Er muss mehr als fünfzig Jahre alt sein, so lange ist es her, dass die letzten Kinder geboren wurden, doch er wirkt jünger auf mich. Aber was weiß ich schon? Es ist lange her, dass ich einen anderen Menschen außer Jonas gesehen habe. Ich weiß nicht, wie viele von uns überhaupt noch am Leben sind. Unsere nächsten Nachbarn sind schon vor einigen Jahren gestorben.

 

Hallo, sagt der Besucher. Ich bin Ben.

 

In der Linde neben mir landet eine Krähe. Ist sie es, die mir so eine gute Freundin geworden ist? Sie legt den Kopf schräg und scheint mir zuzunicken. Hat sie Ben zu mir geführt?

 

Ben sieht die Grube, sieht meine Schaufel.

Soll ich dir helfen?

Ich nicke stumm.

 

Er ist kräftig und schafft die Arbeit mit einer Leichtigkeit, um die ich ihn beneide. Er ist schnell fertig, wesentlich schneller, als ich es je geschafft hätte. Als die Grube vorbereitet ist, hilft er mir, Jonas aus seinem Bett zu heben und durch den Garten zu schaffen. Wir müssen eine Schubkarre zur Hilfe nehmen, so schwer ist mein alter Weggefährte. Trotzdem hat unsere kleine Prozession etwas Feierliches. Wir reden nur das Nötigste, und auch das nur mit leisen, gedämpften Stimmen. Ich habe Jonas in eine Decke gewickelt. Sie verrutscht, als die Karre über eine Baumwurzel rumpelt, und eine graue Strähne seines vollen Haares taucht auf. Sie wippt mit jedem von Bens Schritten lustig auf und ab, als wollte Jonas mich daran erinnern, dass kein Grund zur Traurigkeit besteht.

 

Es ist gut so. Die Erde ist ohne uns besser dran, das weißt du doch.

 

Doch der Schmerz über diesen ganz persönlichen Verlust ist trotzdem da, und ich will ihn mir auch nicht nehmen lassen. Als er in seinem Grab liegt, pflücke ich Blumen, mit denen ich ihn zudecken kann, ehe die schwarze Erde ihn gedeckt. Ich bleibe nicht lange stehen, Abschiede liegen mir nicht. Als ich zum Haus zurückgehe, bleibt Ben zurück.

 

Während er den Toten begräbt, bereite ich im Haus Tee zu. Ich schneide das Brot auf, das ich vor drei Tagen gebacken habe, und wärme die Suppe auf, die ich noch für Jonas gekocht hatte. Ich höre es im Schuppen rumoren, und als ich den Tisch vor dem Haus decke, kommt Ben den Gartenweg entlang. Er hat die Schubkarre und die Schaufel fortgeräumt und sich an der Pumpe gewaschen. Es ist Sommer, die Sonne steht schon tief über den Bäumen, aber es ist noch warm.

 

Danke, sage ich.

Er setzt sich zu mir, nimmt von dem Brot und der Suppe und dem Tee.

Auch die Krähe gesellt sich zu uns. Sie lässt sich auf der Lehne der Bank nieder, und ich werfe ihr ein paar Brocken Brot zu, die sie geschickt mit dem Schnabel auffängt.

 

Hat die Krähe dir gesagt, dass ich Hilfe brauche?

Ben lächelt. Das ist fein beobachtet.

Unwillkürlich muss ich lachen. Ich sehe die Krähe an. Sie reckt den Schnabel in die Höhe und macht ein Geräusch, das wie eine Mischung aus Krächzen und Lachen klingt.

 

Hat sie eigentlich auch einen Namen?, frage ich.

Sie heißt Xarix, sagt Ben.

Ich mag sie, sage ich unnötigerweise. Ich bin nervös und fühle mich befangen. Plötzlich empfinde ich eine Furcht, wie selten zuvor in meinem Leben, als mir meine Einsamkeit bewusst wird. Jonas ist tot, und womöglich bin ich der letzte Mensch auf dieser Welt. Der letzte Mensch, der kein Ranger ist. Ich wage es nicht, den Kopf zu heben und meine beiden Besucher anzusehen.

 

Ben legt mir eine Hand auf den Arm.

Du bist nicht allein, sagt er.

Wir sind da.

 

Eine fast unwirkliche Stille und Ruhe umfängt mich.