Mila 2

Als ich heute Morgen aufstehe, ist Jonas noch nicht wach. Das ist ungewöhnlich, aber in den letzten Tagen hatte ich oft den Eindruck, er würde sich zurückziehen. Wie ein verwundetes, schwaches Tier.

 

Ich warte bis zum Mittag, dann klopfe ich an die Tür zu seinem Zimmer.

 

Er liegt im Bett und sieht blass und alt aus. Er ist alt, älter als ich. Ich selbst muss schon älter als sechzig Jahre alt sein. Oder bin ich schon siebzig? Ich müsste nachsehen. Mit den Jahren verschwimmen die Zeit und die Erinnerungen. Wie lässt sich die Zeit einfangen und messen, wenn es keine Ereignisse mehr gibt, die mit einer festen Jahreszahl verbunden sind? Ich erinnere mich, dass früher das Datum immer präsent war, der Tag, der Monat, das Jahr: Alle wusste stets, wo in der Zeit sie sich befanden. Es nicht zu wissen, galt als Krankheitssymptom, diejenigen galten als verwirrt. Aus der Zeit gefallen.

 

Heute gibt es wenig, das mir verrät, welchen Tag oder welches Jahr wir haben. Aber es ist auch nicht wichtig. Wichtig sind nur noch die Jahreszeiten. Wann soll ich die Kartoffeln pflanzen, wann sind das Getreide und das Obst reif zur Ernte? Aber das sagt mir kein Kalender, sondern ein Blick auf die Sonne und die Pflanzen.

 

Als Jonas mich sieht, lächelt er matt.

Was ist los?, frage ich.

Ich fühle mich nicht gut, sagt er.

Ich bringe dir einen Tee, sage ich. Meine Stimme klingt belegt. Und etwas zu essen.

Er nickt stumm, dann dreht er den Kopf zum Fenster und schaut hinaus.

 

In der Küche denke ich, dass er nur meinetwegen eingewilligt hat. Und dass es heute vielleicht so weit ist.

 

Jonas und ich haben schon früh über das Sterben gesprochen. Im Grunde hatten wir unser ganzes Leben lang kaum ein anderes Thema: Wie lässt sich das Sterben der Menschen am besten organisieren?

 

Wir lernten uns beim Aufräumen kennen. Zusammen mit tausenden anderen Menschen kümmerten wir uns darum, die Hinterlassenschaften der Menschen möglichst rückstandsfrei zu beseitigen. Wir versuchten, den Schaden, den wir hinterlassen würden, so gering wie möglich zu halten. Viele von uns wurden von einem offenen oder unterschwelligen Zorn angetrieben. Die meisten von uns waren aus Überzeugung dabei, weil sie etwas Gutes bewirken wollten, vielleicht auch, weil sie eine Schuld abtragen wollten, die sie auf sich genommen haben.

 

Auch Jonas war aus Überzeugung dabei, aber er war weit davon entfernt, sich für irgendetwas schuldig zu fühlen. Er hatte Maschinenbau studiert, wie mein Vater, weshalb ich ihm zunächst einmal misstrauisch beäugte. Aber er ist ganz anders als mein Vater. Er hat sein Wissen nicht genutzt, um noch mehr Dinge zu bauen, die kein Mensch braucht, sondern um zu wissen, wie das zusammengesetzt ist, was er beim Aufräumen wieder auseinandergebaut hat. Er kannte sich aus mit den Materialien und Werkstoffen, wusste, was wir unbedingt entsorgen mussten und was wir getrost sich selbst überlassen konnten. Wenn wir eine neue Industrieanlage, eine Fabrik oder auch nur ein leerstehendes Bürogebäude in Angriff nahmen, machte er sich mit Feuereifer daran, alles im Detail zu dokumentieren und den Rückbau zu organisieren. Er war ein Arbeitstier und packte häufig selbst mit an. Die Arbeit macht ihm Spaß, und das sah man ihm an. Er empfand keinen Zorn, weder auf die Ranger noch auf die Generationen vor uns, sondern sah die ganze Angelegenheit mit Humor. Shit happens. War wohl nichts mit der Krone der Schöpfung. Muss der gleiche Programmierer gewesen sein, der sich Corel Draw ausgedacht hat.

 

Der Mensch ist eine absolute Fehlkonstruktion, verkündete er oft und gerne. Wir sollten froh sein, dass es bald vorbei ist.

 

Anfangs war die Vorstellung, dass es in wenigen Jahrzehnten tatsächlich keine Menschen mehr auf der Erde geben würde, so unglaublich abstrakt, so weit weg, von dem, was wir tagtäglich auf der Straße erlebten und in den Nachrichten sahen, dass es uns schwerfiel, einen Bezug zu uns und unserem kleinen Leben herzustellen. Es gab keinen großen Knall, keinen Krieg, keinen Tsunami, keinen Hurrikan. Keinen Tag X, von dem die Menschen später sagen konnten: Ab da war alles anders.

 

Die Veränderung kam langsam, schleichend.

 

Wir wurden einfach immer weniger.

 

Es wurden keine Kinder mehr geboren, und die Alten starben nach und nach.

 

Vor allem diejenigen, die in den ersten zehn, fünfzehn Jahren nach der ersten Botschaft starben, konnten ihr Leben fast wie geplant zu Ende leben. Die Infrastruktur funktionierte noch, man konnte alles kaufen, das Leben ging seinen gewohnten Gang. Mein Vater gehörte zu denen, die bis zu ihrem Tod leugneten, dass die Menschen tatsächlich ausstarben. Bis zum Schluss glaubte er daran, dass die Menschen schon eine Lösung finden würden, sein Vertrauen in den Erfindungsgeist und die Intelligenz der Menschen war ungebrochen. Aber für ihn waren ja auch die Ranger nichts als ein Hirngespinst. Oder die Vorstellung, dass sie das Virus erschaffen hatten. Er hielt Usutu-2 bis zum Ende für eine natürliche Mutation.

 

Die Alten lachten lange Zeit über uns - solange sie das Sagen hatten. Später wurden sie trotzig, wie Kinder, denen man ihr Lieblingsspielzeug fortnimmt. Oder sie versanken in Scham und Selbstmitleid, wie Kira.

 

Das Gefühl von Schuld lähmt mich, sagte sie oft.

Bis zu ihrem Tod arbeitete an der Entwicklung eines Gegenmittels für das Virus, obwohl sie, wie sie mir einmal anvertraute, längst nicht mehr glaubte, dass sie es rechtzeitig schaffen würden. Sie machte trotzdem weiter.

Ich kann nicht aufhören, sagte sie. Nur wenn ich weitermache, obwohl ich weiß, dass es sinnlos ist, kann ich vergessen, wohin die Menschheit hinsteuert.

 

Irgendwann war da diese Kluft. Auf der einen Seite die Alten, die zeit ihres Lebens mitgetan haben an der Zerstörung und Vernichtung des Planeten, und auf der anderen wir Jüngeren, die wir die Letzten sein würden. Die nie die Gelegenheit hatten zu beweisen, dass sie es anders gemacht hätten. Und damit vermutlich ebenso gescheitert wären wie die Generationen vor uns. Vielleicht ist diese Kluft immer da gewesen, vielleicht hat jede Generation sie gespürt, wenn sie merkt: Die Alten bestimmen über unsere Zukunft, als würde sie ihnen gehören. Doch früher wurden die Jungen selbst eines Tages die Alten, sie wechselten die Seiten, starrten über den Abgrund auf die nachfolgenden Generationen, die ihnen dasselbe vorwarfen, was sie einst ihren Eltern vorgeworfen haben: Was habt ihr euch dabei gedacht? Ihr habt es doch gewusst! Ihr habt es gesehen! Und trotzdem habt ihr es nicht verhindert!

 

Wir sind diejenigen, die Zeugen unseres Aussterbens sein werden. Wir sind die, die immer die Letzten sein werden. Immer die Jüngsten. Diejenigen, nach denen niemand mehr kommt. Niemand, der für unsere Rente arbeitet. Niemand, der uns pflegt, wenn wir alt und hinfällig werden. Niemand, dem wir diese Erde hinterlassen. Aber auch niemand, der uns Vorwürfe machen könnte.

 

Hatten wir Angst?

 

Hast du Angst, fragte ich Jonas.

Nein, wovor? Jeder Mensch muss sterben, ob mit oder ohne Usutu-2.

Aber wie stellst du dir dein eigenes Ende vor?

Ich stellte ihm diese Frage, als ich ihn etwas besser kannte, kurz, bevor wir ein Paar wurden.

Er zuckte die Achseln. Friedlich, sagte er.

 

Als ich mit Tee und einer Schale Gemüsesuppe zurückkomme, hat er die Augen geschlossen. Er sieht wirklich friedlich aus. Ich stelle das Tablett auf den kleinen Tisch neben seinem Bett, und er öffnet die Augen und sieht mich an.

Du hast genügend Holz für ein, zwei Jahre, sagt er. Das Dach müsste noch mindestens zehn Jahre halten, den Brunnen haben wir erst im letzten Jahr gereinigt.

 

Ich setze mich zu ihm aufs Bett und greife nach seiner Hand. Sie ist kühl und trocken und erinnert mich an Papier. Sanft erwidert er meinen Druck. Ich bringe kein Wort heraus, aber das ist auch nicht nötig. Wir haben so oft darüber gesprochen: Wer zuerst geht, soll gehen, ohne sich schuldig zu fühlen. Wir haben zusammen vorgesorgt, das Haus instand gehalten, Vorräte angelegt und alle Vorkehrungen getroffen. Wir wissen, dass einer von uns zurückbleiben wird, und wir wissen auch, dass ich wahrscheinlich diejenige sein werde, die Jonas betrauert, nicht umgekehrt.

 

All das wussten wir vorher, ich wusste es vorher. Doch jetzt sitze ich da und sehe Jonas beim Sterben zu. Ich versuche, meine Tränen zurückzudrängen, doch Jonas schüttelt lächelnd den Kopf.

 

Du wirst nicht allein sein, sagt er. Sie werden auf dich aufpassen.