Mila 1

Es ist fast dunkel geworden. Die Sonne ist verschwunden, am Himmel sind nur noch ein paar Lichtstreifen zu erkennen. Und Sterne. Mehr Sterne als damals, am Anfang von Ende. Heute gibt es keine Laternen mehr, keine hell erleuchteten Riesenstädte, deren Lichter weit in den Nachthimmel hineinstrahlen und sogar vom Weltall aus zu sehen sind. Wenn die Sonne heute untergeht, ist es finster. Nur hier und da sind schwache Schimmer zu erkennen, von Kerzen, Petroleumlampen, offenen Feuern oder hier und da auch von elektrischem Licht.

 

Ich stehe auf und gehe zurück zum Haus. Durch den großen Garten, in dem ich mein Gemüse ziehe, vorbei an den Obstbäumen und dem Gehege der Hühner, die leise und zufrieden in ihrem Stall gackern. Ich bleibe kurz stehen und lausche in die Nacht. Im nahen Wald schreit ein Uhu, in der Ferne heulen die Wölfe. In einem Augenblick höre ich ein leises Rascheln neben mir unter den Johannisbeersträuchern. Ein Igel vielleicht, oder eine Maus.

 

In der großen Weide erkenne ich den dunklen Schatten einer Krähe. Sie sitzt oft dort und beobachtet mich. Ich bin mir sicher, dass sie ein Ranger ist, und habe das Gefühl, sie schon lange zu kennen. Ausgeschlossen ist das nicht. Sie geben sich zwar nie zu erkennen, aber irgendwo müssen sie ja sein. Sie haben uns nie verraten, wie viele sie sind, aber glaube, dass jeder Mensch in seinem Leben immer wieder einmal Rangern begegnet. Je älter ich werde, desto öfter glaube ich, sie in Gestalt eines Tieres oder manchmal auch eines Menschen zu erkennen. Gewiss habe ich mich dabei oft getäuscht, trotzdem hat der Gedanke etwas tröstliches: Von Wesen umgeben zu sein, die uns wohlgesonnen sind.

 

Ich mag die Krähe, und ich glaube, sie mag mich auch. Manchmal, wenn mich die Traurigkeit oder der Zorn übermannt, kommt sie angeflogen und setzt sich ganz in meine Nähe. Sie lässt sich von mir mit dem Finger das Gefieder kraulen, und dann spüre ich, wie ich ruhiger werde. Es ist keine Strafe. Manchmal vergesse ich es, und der Vogel hilft mir, mich wieder daran zu erinnern. Heute nicke ich ihr wortlos zu, und sie schlägt einmal kräftig mit den Flügeln. Es ist ihre Art, mir eine gute Nacht zu wünschen.

 

Ich spüre eine tiefe Zufriedenheit.

 

Jonas sitzt in der Küche. Als ich hereinkomme, schaut er kurz auf. Er sieht müde aus, an seinem Hemd kleben noch ein paar Holzspäne. Ich habe nicht bemerkt, wann er mit dem Holzhacken aufgehört hat, aber er muss Stunden damit zugebracht haben.

 

Es ist ein schöner Abend, sage ich. Fühlst du ihn auch, diesen tiefen Frieden? Wenn du über den alten Park bis zum Fluss schaust, oder an den Feldern entlangläufst, die heute kaum noch zu erkennen sind und eher jungen Wäldern als Äckern sind? Wenn du den aufgerissenen Asphalt unter deinen Füßen spürst und daran denkst, dass dort vor vielen Jahren einmal Autos fuhren, jeden Tag, Tausende? Der Erde geht es besser ohne uns.

 

Er sagt nichts, aber ich spüre sein Lächeln, auch wenn es nicht zu sehen ist. Natürlich weiß er genau, was ich meine. Jonas war einer der Ersten, die schon früh sagten: Die Erde ist ohne uns besser dran.

 

Obwohl meine Tante mir immer wieder versicherte, man würde noch rechtzeitig eine Möglichkeit finden, das Virus zu besiegen, glaubte ich niemals an eine Rettung. Seit ich von den Rangern gehört und ihre Botschaften gelesen hatte, und je mehr ich von den Zerstörungen erfuhr, die der Mensch angerichtet hatte und weiterhin anrichtete, desto folgerichtiger erschien es mir, dass es so nicht weitergehen konnte. Ich zweifelte weder an der Existenz der Ranger noch am Ende der Menschheit. Für mich stand fest, dass meine Generation eine der letzten auf diesem Planeten sein würde. Mein Zorn war unermesslich, doch merkwürdigerweise richtete er sich niemals gegen die Ranger, sondern gegen die Alten, die das Offensichtliche nicht sehen wollten und die Realität leugneten. Klimawandel? Gibt es nicht. Artensterben? Alles Einbildung. Umweltzerstörung? Schwarzmalerei.

Es war nicht so, dass ich gesagt hätte: Geschieht uns ganz recht. Aber mir war von Anfang an klar, dass allein die Menschen die Schuld an ihrem Untergang trugen. Nicht die Ranger.

 

Die meisten Menschen sahen das anders. Nachdem sich die Existenz des Virus nicht mehr leugnen ließ, nach der Geburt des letzten Menschen, nachdem alle Versuche, das Virus zu besiegen, gescheitert waren und den Menschen allmählich dämmerte, dass es wirklich das Ende war – spätestens da begannen sie, ihren Zorn auf die Ranger zu richten. Ihnen gaben sie die Schuld. Ja, wir sind nicht perfekt, aber warum müssen wir deshalb gleich komplett ausgerottet werden wie Ungeziefer? Wir sind lernfähig. Wir sind klug. Wir sind in der Lage, Gutes zu erschaffen. Wir verdienen den Tod nicht!

 

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Kira, kurz nachdem sie herausgefunden hatte, was das Virus im menschlichen Körper anrichtet.

 

Es ist nicht alles schlecht, sagte sie.

 

Was sie eigentlich sagen wollte: Die Menschen sind nicht alle schlecht. Wir sind nicht von Grund auf bösartig. Wir zerstören unsere Welt nicht mit Absicht, sondern nur aus Unkenntnis. Aus Gedankenlosigkeit, aus Gleichgültigkeit. All das, ja. Aber nicht aus Boshaftigkeit oder weil wir Lust an mutwilliger Zerstörung hätten.

 

Ich habe nichts zerstört, sagte Kira. Ich habe nie willentlich jemandem etwas zuleide getan, keinem Menschen und keinem Tier. Ich bin ein guter Mensch.

 

Es war nicht alles schlecht. Aber das Gute, das da war, hat nicht ausgereicht.