Mila

Ich will mich erinnern.

 

Heute ist ein guter Tag dafür. Es ist ruhig, mein Tagwerk ist geschafft. Ich sitze auf meiner Bank und blicke über die Wiese hinunter bis zum Fluss. Der Wind rauscht in den Bäumen des nahen Hains, die Vögel rufen leise. In der Ferne ist das Tschak, Tschak, Tschak zu hören, mit dem die Axt auf das trockene Holz trifft. Jonas, der die Brennholzvorräte auffüllt.

 

Sonst ist es ganz still. Ich versuche, mich daran zu erinnern, wie die Welt früher geklungen hat. Ich weiß, dass es lauter war, aber wie erinnert man sich an Krach, an Lärm, an das Gefühl ständiger Reizüberflutung? Damals war ich mir der Geräusche um mich herum oft nicht einmal bewusst, es war das permanente Hintergrundrauschen des Lebens in der Stadt, und es gehörte einfach dazu. 

 

Ich schließe die Augen und sehe Bilder vor mir. Das ist leichter. 

 

Ich erinnere mich, wie die Welt damals aussah, die Stadt. Als der Fluss sich noch nicht so tief in die Stadt hineingefressen hatte, als auf der Straße am Hafen, wo heute das Wasser hüfthoch steht, noch Autos fuhren. Nur in trockenen Sommern kann man dieser Tage dort gehen, wo sich früher bei schönem Wetter die Menschen drängten. Was die Flut und die Stürme von den Hafenmauern und Treppen übrig gelassen haben, ist von Schlick, Algen und Tang bedeckt. Von den alten Fischbrötchenbuden, Cafés und Souvenirläden ist nichts mehr zu sehen. Nur die Möwen schreien heute noch genauso wie damals. Spätestens am Ende des Sommers, mit den ersten Herbststürmen, ist das alles wieder verschwunden. Einzig das alte Stahlgerippe der S-Bahntrasse ragt dann noch aus dem Wasser. 

 

Die S-Bahn! Wie lange ist es her, dass ich dieses schrille Kreischen hörte, wenn der Zug eine Kurve fuhr, und diesen heftigen, künstlichen Wind aus abgestandener, nach verbranntem Gummi riechender Luft im Gesicht spürte! Und die Straßen – voller Autos, voller Lärm, voller Hektik. Die Menschen liefen auf diesen kleinen Wegen am Rand, nah an den Häusern. Nachts erhellten Laternen die Straßen der Stadt, dazu die Leuchtreklamen an den Geschäften, kleine Lichter in den Vorgärten, taghelle Lampen in den Wohnungen. Bis tief ins Hinterland hinein sah man die Lichtkuppeln über den Städten. Die Menschen kannten keine Dunkelheit, nicht so wie heute, wenn man in wolkenverhangenen Neumondnächten die Hand nicht vor den Augen sieht.

 

Unvorstellbar.

 

Vieles, was damals als selbstverständlich galt, ist heute unvorstellbar. Manchmal denke ich, dieses alte Leben war nur ein Traum. Der Traum von einer Welt, die so widersinnig, so faszinierend, so eigenartig war, dass sie nicht real gewesen sein konnte. Und doch hat diese Welt existiert. Ihr Ende kam schleichend, doch es ließ sich nicht aufhalten oder rückgängig machen. 

 

Ich erinnere mich gut an den Tag, an dem alles begann. An die Botschaft, die an diesem ersten Tag plötzlich im Internet auftauchte. In allen Sprachen, die von Menschen gesprochen wurden, gab es Audiobotschaften und Texte, überall im Netz. In jedem Land, auf jedem Kontinent, in jedem Dorf, das mit der Welt verbunden war. Das ganze Internet war voll davon, man konnte ihr nicht entkommen. Sobald du den Computer oder dein Smartphone eingeschaltet hast, ploppte diese Nachricht auf. In jedem Forum tauchte es auf, von den großen Social Media Plattformen mit Millionen Nutzern, die damals noch existierten, bis hin zu den kleinen privaten Chats und Communities, für die sich niemand interessierte außer den fünf Aktiven und den restlichen zwanzig Datenleichen. Du konntest ihr nicht entgehen. 

 

Ich war vierzehn Jahre alt. Alt genug, um zu begreifen, aber zu jung, um etwas bewirken zu können. Ich war fasziniert von dieser Botschaft und allem, was mit den Rangern zu tun hatte, und damit war ich nicht allein. Mit meinen Freundinnen und Freunden aus der Schule lauerte ich auf jede Nachricht der Ranger, wir verfolgten die Nachrichten, wir stellten unsere Eltern und Lehrer zur Rede: Warum habt ihr es so weit kommen lassen?

 

Sie sagten: Glaubt diesen Unsinn nicht.

 

Aber wir waren jung. Wir fingen gerade erst an, die Welt zu verstehen. Unsere Generation war groß geworden mit dem Klimawandel, mit der Umweltverschmutzung, dem Artensterben, den Plastikbergen. Aber auch mit dem Flug zum Mond, mit dem Internet und der Vorstellung, dass Maschinen früher oder später den Menschen in fast allen Bereichen des Lebens ersetzen würden. Die ersten Autos fuhren ohne menschliches Zutun, die Menschen schickten sich an, den Mars zu betreten, mathematische Modelle bewiesen, dass es irgendwo im Universum intelligentes Leben geben muss.

Warum also sollte es nicht auch außerirdisches Leben auf der Erde geben?

 

Natürlich gab es viele, die bis zum Schluss leugneten und hartnäckig alle Fakten ignorierten. Zuerst die Tatsache, dass das Virus existiert. Dann die Tatsache, dass es gefährlich ist. Ganz zu schweigen von der Existenz der Ranger.

 

Mein Vater gehörte zu den Leugnern. Er zweifelte nicht nur an der Existenz des Virus', er glaubte auch nicht an den Klimawandel oder das Artensterben. Er freute sich, dass die Frontscheibe seines Autos im Sommer nicht mehr voll toter Insekten war, und solange er noch jeden Tag sein Stück Fleisch auf den Teller bekam, bereiteten ihm weder das Bienensterben noch die Abholzung der Regenwälder oder das Aussterben von immer mehr Tier- und Pflanzenarten Kopfzerbrechen. Er war taub und blind für die größeren Zusammenhänge der globalen Wirtschaft, freute sich über die billige Kleidung aus Fernost, den günstigen Kaffee aus Afrika oder die frischen Erdbeeren das ganze Jahr über. Ein Leben ohne Auto lag außerhalb seiner Vorstellungskraft, seine jährlichen Fernreisen waren für ihn ein Menschenrecht.

Für den Zustand der Welt fühlte er sich in keiner Weise verantwortlich, und er lebte, als gäbe es nicht nur einen, sondern unendlich viele Planeten, die wir besiedeln und ausbeuten könnten. Ihm persönlich ging es gut, und das reichte ihm. Ich warf ihm vor, seine Generation würde die Erde zerstören, die sie einmal ihren Kindern, also uns, übergeben würde.

 

Es interessierte ihn nicht, wie die meisten seiner Generation.

 

Für uns Jungen, die wir damals für unser Recht auf eine Zukunft auf die Straße gingen und die von den Regierenden kein Mitleid, sondern Handeln verlangten, hatte er nur herablassenden Spott übrig. Kommt erst einmal in unser Alter. Dann werdet ihr schon sehen. Die Jugend rebelliert immer, aber irgendwann werdet auch ihr Vernunft annehmen.

 

Ich hasste ihn dafür.

 

Doch wer sagt, dass wir unter denselben Bedingungen nicht genauso gehandelt hätten? Ob wir, wenn wir die Gelegenheit gehabt hätten, nicht unsere eigenen Fehler gemacht und anschließend vertuscht, beschönigt und geleugnet hätten?