Kira

7 Jahre

Ben bemüht sich, mich aufzumuntern. Seit er im Institut aufgehört hat, sehen wir uns nicht mehr jeden Tag, aber er ist mir ein guter Freund geblieben.

 

Die Arbeit an dem Virus ist mühsam, und ich habe das Gefühl, nur noch auf der Stelle zu treten. Ich weiß, dass die Geburtenzahlen immer weiter zurück gehen und dass in manchen Gegenden der Welt kaum noch Kinder geboren werden. Noch sind die Auswirkungen zumindest in Gesellschaften, die auch schon vor dem Virus mit Überalterung zu kämpfen hatten, kaum spürbar. Kleine Kinder sind schon seit Jahren in unserem Land nahezu unsichtbar, wenn man nicht gerade in einer Kita arbeitet oder in einem Stadtviertel mit vielen Kindern lebt. Beim Einkaufen, abends im Kino, bei der Arbeit, im Urlaub fällt es mir kaum auf, dass immer weniger Kinder geboren werden. In den täglichen Gesprächen spielt das Thema keine Rolle, selten findet man Berichte in den Medien. Manchmal erwähnt jemand, eher Frauen als Männer, wie traurig es ist, dass sie keine Kinder mehr bekommen können, doch das ruft zumeist ein unangenehmes Schweigen hervor, betretenes Kopfnicken, abgewandte Blicke. Darüber spricht man nicht, zumindest nicht in der Öffentlichkeit.

 

Meine Schwester gehört zu denen, die gerne noch mehr Kinder bekommen hätten. Wenige Wochen, bevor die erste Botschaft auftauchte, hatte sie Torben kennengelernt, doch die beiden haben zu lange gezögert, und inzwischen sind beide unfruchtbar. Wenn Elena darüber spricht, klingt es, als sei diese Unfruchtbarkeit ein Schicksalsschlag, wie ihn auch früher viele Paare erlitten haben, die sich gerne ein Kind wünschen, es aber auf natürlichem Wege nicht schaffen. Torben und sie haben sogar versucht, auf dem Weg der künstlichen Befruchtung doch noch ein Kind zu bekommen, doch auch dabei haben sie zu lange gezögert: Alle Vorräte an Spermien und Eizellen sind längst als Notreserve beschlagnahmt worden, um das Aussterben der Menschen zu verhindern und lagern heute tiefgefroren in hochgesicherten Bunkern. Auf persönliche Wünsche kann keine Rücksicht mehr genommen werden.

 

Während die fehlenden Kinder zu einem rein persönlichen Leid erklärt werden, ist die Zerstörung der Umwelt in aller Munde. Ich kann mich selbst da nicht einmal ausnehmen. Der Klimawandel, das Artensterben, die Versteppung weiter Teile Afrikas und Nordamerikas, der Plastikmüll auf den Ozeanen – jeden Tag, so kommt es mir vor, lese ich irgendwo mindestens eine Nachricht, die davon berichtet, was wir diesem Planeten antun.

 

Ich kann mich davon nicht frei machen. Ich verzichte so gut es geht auf Fleisch, auf Milch, auf Eier, auf Honig. Doch schon für das Brot, das ich esse, werden Böden zerstört, für die Kleider, die ich trage, werden Unmengen an Wasser verbraucht, für den Kaffee, den ich trinke, müssen Menschen für einen Hungerlohn arbeiten. Selbst wenn ich mich bemühe, alles richtig zu machen, bleibt es dabei: Allein durch meine Existenz zerstöre und töte ich.

 

Wie kann ich mit dieser Schuld leben?

 

Ben sieht mich an.

 

Du kannst nichts dafür. Du bist gefangen in diesem System, in einem Geflecht aus Abhängigkeiten und Beziehungen, das über Jahrhunderte und Jahrtausende gewachsen ist. Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte aus Zufällen und günstigen Gelegenheiten. Der einzelne Mensch ist immer auf der Suche nach seinem persönlichen Glück, nach seinem Vorteil, danach, es ein klein wenig besser zu haben. Solange du dich bemühst, anderen so wenig Schaden wie möglich zuzufügen, dich selbst nicht zu wichtig zu nehmen, niemanden bewusst Leid anzutun, brauchst du dich nicht zu grämen.

 

Ich werde wütend. Wenn Ben von den Menschen spricht, klingt es oft, als würde er sich selbst nicht dazu zählen. Angeblich, um sich selbst zu schützen.

 

Bist du etwa ein Ranger? Meine Worte klingen wie ein Vorwurf, und das sind sie auch.

 

Er sagt nichts.

 

Es ist immer noch nicht erwiesen, ob es die Ranger überhaupt gibt. Es gibt diese Seite im Netz, auf der sie in allen Menschensprachen alle Fragen beantworten, die man ihnen schickt. Doch neben dem Virus ist diese Seite der einzige Hinweis auf die Ranger. Noch nie hat sich einer von ihnen zu erkennen gegeben, noch nie wurde einer von ihnen enttarnt. Ich selbst bin mir immer noch nicht sicher, ob ich an ihre Existenz glaube.

 

Doch jetzt ist da Ben, und er schweigt immer noch auf meine Frage.

 

Wann tauchte dieser Gedanke, er könnte ein Ranger sein, zum ersten Mal in mir auf? Es ist schon einige Jahre her, Ben arbeitete damals noch am Institut. Wir sprachen darüber, wie das Virus es schafft, die DNA der Keimzellen so zu verändert, dass das FSH nicht mehr erkannt wurde. Irgendeine Bemerkung von Ben ließ mich aufhorchen, vor allem die Art wie er es formulierte: Nicht als Möglichkeit, nicht als Frage, sondern als feste Überzeugung. Als schien er genau zu wissen, wie das Virus die Vorgänge in der Zelle steuert. Als ich nachfragte, nahm er sich sofort zurück, formulierte behutsamer: könnte es nicht sein, dass, möglicherweise, eventuell. Doch mein ungutes Gefühl blieb. Unterschwellig, kaum wahrnehmbar, aber immer da. Vielleicht war ich deswegen so entsetzt, als Ben das Institut verließ. Er schien alles über das Virus zu wissen - warum enthielt er uns jetzt das Wissen vor, wie wir es besiegen könnten?

 

Natürlich ist das alles Unsinn. Ben würde niemals einer Fliege etwas zuleide tun. Ich habe ihn niemals wütend oder auch nur gereizt erlebt, auch nicht nach langen Tagen im Labor, wenn ein Versuch nach dem nächsten fehlschlug, wenn es spät wurde und sich abzeichnete, dass auch dieser Ansatz in eine Sackgasse führen würde. Während alle anderen Kollegen zumindest enttäuscht waren, ihnen die Erschöpfung und Verbitterung anzusehen war, blieb Ben stets ruhig und freundlich. Mehr als einmal tauchte er genau in dem Moment auf, in dem die Anspannung sich in einem wütenden Streit mit Beschimpfungen und ungerechtfertigten Vorwürfen zu entladen drohte. Dann betrat Ben den Raum, als wüsste er genau, dass er gebraucht wurde, und allein durch seine Anwesenheit glätteten sich die Wogen. Ich fand nie heraus, wie er das anstellte. War es sein Lächeln? Seine leise, aber feste Stimme, die er so fein modulieren konnte wie ein Solist sein Instrument? Wenn Ben einen Raum betrat, dauerte es nicht lange, und alle Anwesenden wurden ruhiger, kurz darauf hörte man das erste Lachen. Die Gesichter hellten sich auf, die Bewegungen wurden fließender, die Stimmung entspannter.

 

Ich denke an das Virus, das vermutlich in irgendeinem Forschungslabor, ganz ähnlich dem unseren, erschaffen worden war. Wenn die Ranger tatsächlich existierten, und wenn sie unter uns und mit uns lebten, unerkannt in Menschengestalt - wäre es dann nicht folgerichtig, dass mindestens einer von ihnen in einem Labor arbeitet, das alle Möglichkeiten bot, um ein Virus wie Usutu-2 zu synthetisieren?

 

Aber Ben? Der sanfte Ben, der stets die richtigen Worte zu finden scheint, der auf alles eine Antwort weiß, der nie um ein Wort verlegen ist? Der niemals schwach zu sein scheint, der immer für mich da ist, wenn ich ihn brauche. Doch zugleich ist er mir unendlich fremd, gerade weil immer er derjenige ist, der stark ist und für alles eine Lösung weiß. Er ist wie ein großer Bruder, bei ihm fühle ich mich sicher und geborgen. Aber ich habe nie erlebt, dass er betrunken ist, dass er zu schnell mit dem Auto fährt oder mit seinen Kumpels über die Stränge schlägt, dass er sein Zimmer nicht aufräumt, bis die letzte Pizza stinkend unter dem Bett vergammelt, wie es bei großen Brüder unweigerlich vorkommt. Ben ist ohne Makel, und deshalb ist er mir unheimlich. Ein Gefühl, das langsam in mir gewachsen ist, bis zu diesem Moment, wo ich mich einfach nicht mehr beherrschen kann.

 

Noch nie habe ich mich getraut, den Gedanken auszusprechen, er könnte ein Ranger sein. Was, wenn er ja sagt? Was würde ich mit diesem Wissen anfangen? Würde ich ihn verraten? Würde er mir Dinge erzählen, die kein anderer Mensch je erfahren hat?

 

Ich beobachte ihn.

 

Er schweigt.