Kira

6 Jahre

Treffen sich zwei Planeten. Dem einen geht es nicht gut, er hat Homo sapiens. Der andere tröstet ihn: Keine Sorge, das hatte ich auch schon. Das geht wieder vorbei.

 

Dieser Witz wird jetzt häufig erzählt, aber vielen Menschen ist das Lachen vergangen.

 

Ist der Mensch wirklich wie ein Virus, das seinen Wirt, diesen Planeten, allmählich zugrunde richtet? Eigentlich ist das ein ganz treffendes Bild – aus Sicht des Planeten ganz gewiss. Über Jahrtausende hat der Mensch den Planeten als sein Eigentum betrachtet und sich einfach genommen, was er wollte. Ohne zu fragen. Ohne dafür etwas im Tausch anzubieten. Gewiss, es gab und gibt Kulturen, die im engen Kontakt mit der Natur lebten, die dem erlegten Tier danken für die Nahrung, die es ihnen schenkt. Auch heute gibt es Menschen, die sich bemühen, möglichst wenig Schaden anzurichten, die kein Fleisch essen, kein Flugzeug oder Auto benutzten, die Plastik vermeiden und ihren Konsum reduzieren.

 

Aber selbst, wenn alle so leben würden, alle sieben Milliarden Bewohner dieser Erde - wäre es genug, um diesem Planete keinen Schaden zuzufügen?

Wohl kaum.

Es bleibt dabei: Jeder Mensch tötet. Jeden Tag, jede Minute.

 

Durch meine bloße Existenz bin ich verantwortlich für den Tod anderer Lebewesen, für die Zerstörung dieses Planeten. Mit jedem Atemzug, den ich tue, mit jedem Schluck Wasser, den ich trinke, mit jedem Stück Brot, das ich esse, halte ich diese gewaltige Maschinerie am Laufen. Mein Einfluss ist gering, selbst wenn ich mich anstrengen und auf alles verzichten würde, was nicht fair und ökologisch hergestellt wird – ich würde immer noch zur Zerstörung dieses Planeten beitragen. Allein dadurch, dass ich in Mitteleuropa lebe, hier in einem Haus wohne, in dem es im Winter warm ist, dass ich die Straßen benutzte, dass ich Steuern zahle, dass ich esse und mich ankleide, trage ich meinen Anteil der Schuld an der Vernichtung.

Ich kann mich dem nicht entziehen.

 

Was wäre, wenn jedes Lebewesen, egal ob Mensch, Tier oder Pflanze, dasselbe Recht auf Leben hätte? Auf ein Leben in Würde, ohne Gefangenschaft, ohne Schmerzen, den eigenen Bedürfnissen entsprechend? Die Ranger schreiben, wir Menschen können uns nicht an die früheren Leben erinnern. Wer könnte noch Fleisch essen, wenn er jemals als Ferkel in einem Schweinemastbetrieb geboren worden wäre – und sich später als Mensch noch genau daran erinnern könnte?

 

Wenn ich es nicht mehr ertrage, dieses Gefühl der Hilflosigkeit, diese Schuldgefühle, das Gefühl, Böses zu tun, ohne böse sein zu wollen, flüchte ich mich in den Wald. Die Stille dort, die Natur, haben mir immer gut getan. Ich lege meine Hände an den mächtigen, vermoosten Stamm einer alten Buche. Ich spüre die Vibration, die sich vom Wipfel bis in die Wurzel überträgt. Ich konzentriere mich auf das grüne Moos vor meinen Augen, das Lebensraum für tausende von Insekten bietet, allein auf diesem einen Baum.

Ich hebe den Kopf zum grünen Blätterdach und fühle mich geborgen. 

Wir Menschen sind ein Teil der Natur. Im Grunde sind wir nur Tiere, wie alle anderen Lebewesen auf diesem Planeten auch.

Wir haben es nur vergessen.

 

Ich gehe weiter. Meine Füße federn auf dem weichen Waldboden. Die Luft riecht nach Harz und Humus. Es ist warm, in den Sonnenstrahlen, die bis zum Boden reichen, tanzen Insekten. Es ist Frühling, und der Gesang der Vögel bildet eine beruhigende Kulisse. Doch sobald ich mich nähere, verstummen sie. Ich bin ihr Feind, eine Gefahr, und sie schweigen, um sich nicht zu verraten. Ich bleibe stehen.

Ich tue euch nichts. Ich will nichts von euch. Ich suche hier nur Trost.

 

Die Vögel schweigen weiterhin.

 

Ich schaue mich um und sehe die Spuren, die die schweren Maschinen im Wald hinterlassen haben. Baumstümpfe, tiefe Furchen im Waldboden, dort, wo Bäume gefällt und weggeschafft wurden. In der Ferne höre ich eine Motorsäge, auf einem Weg ganz in der Nähe streiten sich ein Mann und eine Frau.

 

Natur? Wie viel hat dieser Wald noch mit Natur zu tun? Es ist eine Plantage, in der das Holz geerntet wird, das wir uns in die Städte holen, um natürlich wohnen zu können. Der Mensch gestattet den Tieren - den Vögeln, den Insekten und dem Wild - gnädigerweise, seinen Wald zu nutzen, so lange sie keinen Schaden anrichten. Der Wolf, den wir herbei gesehnt haben, der im Wald Unterschlupf sucht und jetzt die Frechheit besitzt, unsere Schafe zu reißen? Er wird zum neuen Feindbild, zum Beweis, dass wir die Natur weiterhin zähmen müssen, weil sie uns immer noch nicht gehorcht. Obwohl wir uns redlich Mühe geben.

 

Wir legen der Natur Fesseln an, wir richten sie nach unseren Bedürfnissen zu, vertreiben alle daraus, die sich ungefragt ihren Anteil nehmen wollen, den wir ihnen aber nicht zugestehen. Wir beuten sie aus, wir verfügen über sie, als sei es unser gutes Recht, wir zerstören und vergiften sie. Jahrhundertelang war die Natur unser Feind, den wir bekämpft und gezähmt haben. Der Mensch hat sich von der Natur emanzipiert und leugnet heute, ein Teil von ihr zu sein.

 

Und dann, wenn wir diese Leere spüren und die Kälte der Städte; wenn wir uns auf die Suche machen nach dem, was uns fehlt, dann gehen wir zur Natur und sagen: Tröste uns. Wir sind doch auch deine Kinder.

 

Das Schweigen der Vögel begleitet mich auf meinem Weg aus dem Wald hinaus. Wie eine unsichtbare Hülle aus Stille, ein stummer Vorwurf: Lasst uns in Ruhe!

 

Ich töte. Andere sterben und leiden für mich.

Ich kann nichts dagegen tun.

Egal, wie sehr ich mich bemühe: Ich zerstöre.

 

Das Gefühl von Schuld lähmt mich.