Kira

5 Jahre

Manchmal glaube ich fast, Ben ist einer der Ranger. Er ist in ruhiger Mann mit einem wachen Blick auf die Welt. Er ist mein Lieblingskollege und ist wie ich an der Erforschung von Usutu-2 beteiligt. Ben gehört zu den Menschen, die im Hintergrund bleiben, die jedoch hier und dort etwas einwerfen - einen Satz, eine Bemerkung, eine Frage - das alle weiterbringt, ohne die Lorbeeren für sich zu beanspruchen. Viele wichtige Impulse für die Erforschung von Usutu-2 sind von ihm gekommen. Wären wir ohne ihn überhaupt schon so weit, wie wir heute sind?

 

Wir sitzen auf meinem kleinen Balkon. Es ist Sommer, seit Wochen schon liegt eine brütende Hitze über der Stadt, die nur gegen Abend ein wenig nachlässt. Es könnte ein ganz normaler Abend sein, doch wir beide kennen die Gefahr, die von dem Virus ausgeht. Seit drei Jahren lebe ich mit dem Wissen, dass die Tage des Homo sapiens gezählt sein könnten, und das verändert meinen Blick auf die Welt. Ich sehe diese belanglosen Sendungen im Fernsehen und frage ich mich: Wie kann sich irgendein Mench noch ernsthaft dafür interessieren, ob ein Gemälde eher der Renaissance oder dem Barock zuzuordnen ist? Ich lese einen Artikel über eine Minister, der ein Tempolimit für nicht mit dem gesunden Menschenverstand vereinbar hält, und frage mich: Und wir nennen uns Homo sapiens, den weisen Menschen? Ich sehe ein Kind - was selten vorkommt - und frage mich: Wann wird das letzte Kind geboren werden? Ich höre, wie sich Jugendliche in der U-Bahn über die Ranger unterhalten, als würden sie tatsächlich existieren, und mich erfasst ein Gefühl der Unwirklichkeit. Was geschieht mit uns? Werden wir alle, die wir heute leben, wirklich die letzten Menschen sein? Und für einen kurzen Moment stelle ich mir vor, wie es sein muss: Der letzte Mensch. Unendlich allein. Unendlich verloren.

 

Wir wissen jetzt, wie das Virus wirkt, aber uns bleibt nicht viel Zeit, um es aufzuhalten. Es ist ein Wettlauf, den wir womöglich verlieren werden.

 

Wir werden es nicht schaffen, sagt Ben. Ich werde das Institut verlassen.

Ich sehe ihn an. Seine Miene verrät nichts, aber ich bin nicht überrascht. Ben ist ein brillanter Wissenschaftler, er wird ein besseres Angebot bekommen haben, irgendwo auf der Welt. Doch er hat nicht vor, überhaupt weiter als Mikrobiologe zu arbeiten. Er erklärt mir, dass er sich der Initiative Aufräumen anschließen will.

Wir dürfen unsere Kräfte nicht sinnvoll vergeuden, sagt er. Wir müssen uns damit abfinden, dass es mit den Menschen hier auf diesem Planeten zu Ende geht.

 

Während ich ihn sprachlos anstarre, landet eine Krähe auf der Balkonbrüstung. Sie scheint keine Scheu vor uns Menschen zu haben, plustert sich einmal auf und legt den Kopf schräg. Fast scheint es, als würde sie uns fragend anblicken.

Ihnen wird es vermutlich besser gehen, wenn wir nicht mehr da sind, sage ich.

Die Krähe sieht mich an und nickt. Als würde sie meine Worte verstehen.

Davon gehe ich aus, sagt Ben.

Ich schenke Wein nach. Auf dem Nachbarbalkon lacht jemand, der Straßenverkehr liegt wie ein ständiges Rauschen über der Stadt. Ein Flugzeug fliegt tief über die Häuser hinweg, als es zur Landung ansetzt. Der Wind trägt das dumpfe Signal eines Containerschiffes aus dem Hafen zu mir. Ich schließe die Augen und versuche, mir eine Welt ohne Menschen vorzustellen.

 

Keine Häuser. Keine Autos. Keine Fabriken. Keine Straßen.

Und über allem eine nie gekannte Stille.

 

Du gibst einfach so auf? Ich weiß, dass ich verbittert klinge. Vorwurfsvoll. Ich fühle mich im Stich gelassen und habe das Gefühl, dass wir es ohne Ben niemals schaffen werden.

Er lässt sich Zeit mit der Antwort.

Ich denke, es ist ganz gut, wenn die Menschen von der Erde verschwinden, sagt er schließlich. Sie vernichten den Planeten, auf dem sie leben. Sie unterjochen die anderen Spezies, mit denen sie den Planeten teilen. Sie schießen wahllos Satelliten ins All, ohne hinterher ihren Müll wieder einzusammeln. Sie zerstören ihre eigene Lebensgrundlage und die aller anderen Lebensformen gleich mit.

 

Ich denke an die Bilder aus den Nachrichten von gestern Abend. Verheerende Waldbrände in Kalifornien haben drei Ortschaften vernichtet. Die Preise für Brot und Fleisch sind aufgrund des dritten Dürresommers in Folge auch in Deutschland um mehr das Doppelte angestiegen. Ja, wir Menschen machen Fehler - aber wir sind lernfähig. Seit wir aus unseren Höhlen gekrochen sind, haben wir enorme kulturelle und technische Fortschritte gemacht. Wir fliegen zum Mond, wir können Krankheiten heilen, wir haben die Internationale Charta der Menschenrechte.

 

Fast mitfühlend sieht Ben mich an.

 

Die Menschen bemühen sich, das stimmt. Aber haben sie es jemals geschafft, Gewalt und Zerstörung dauerhaft einzudämmen? Manchmal geht es eine Weile gut, wenn die Umstände günstig sind, die Menschen satt und zufrieden sind, wenn keine andere Gruppe es sich in den Kopf gesetzt hat, sein Revier zu vergrößern. Aber früher oder später geht auch die friedfertigste Kultur unter, und es kommt erneut zu Gewaltausbrüchen. Liegt es da nicht nahe zu vermuten, dass diese Destruktivität tief in der menschlichen genetischen Struktur verankert ist? Dass es für den Menschen schlichtweg unmöglich ist, dass alle Individuen dauerhaft in Frieden miteinander und ihrer Umwelt leben? Dass jede Kultur, jede Philosophie, jedes Gesetz nichts anderes ist als der verzweifelte, aber vergebliche Versuch, diese destruktive Natur zu bändigen?

 

Natürlich hat niemand ein Interesse daran, sich selbst als Angehöriger einer zutiefst bösen und zerstörerischen Spezies zu sehen. Vielleicht kann der Mensch gar nicht anders, als seine Schuld zu leugnen: Dass jeder Einzelne ein millionenfacher Mörder ist. Dass jeder Mensch nur lebt, weil andere sterben.

 

Ein Weiterleben mit dieser Schuld ist nur möglich, indem fein säuberlich getrennt wird in wir und die anderen. Wir Menschen und die Tiere. Die Menschen ziehen ständig eine Mauer zwischen sich und dem Anderen. Hier die Guten, dort die Bösen, die Minderwertigen. Das Andere, das können alle anderen Geschöpfe auf diesem Planeten sein – oder die Bewohner es nächsten Dorfes, des nächsten Staates. Es ist so tief im Menschen verwurzelt, dass er sich dessen nur selten bewusst ist. Ich weiß nicht, ob die Menschen die Kraft haben zu erkennen, wirklich zu erkennen, dass sie nicht das Fremde, sondern sich selbst millionenfach töten.

 

Du klingst, als würdest du dich selbst nicht zu den Menschen zählen.

 

Vielleicht ist das meine Art, mich vor diesem Wissen zu schützen.