Kira

2 Jahre

Diese schlichte Schönheit! Diese unauffällige Eleganz! Diese Effizienz und Perfektion!

Ich kann nicht leugnen, dass ich beeindruckt bin.

 

Ich mag Viren. Vielleicht eine seltsame Aussage von jemanden, der sein Leben der Bekämpfung von Viren widmet, aber diese winzigen Erreger haben mich schon als Schülerin fasziniert. In den Genen von Viren ist lediglich das Programm für die eigene Vermehrung gespeichert. Auf einen funktionierenden Stoffwechsel können sie verzichten. Um zu überleben, brauchen sie allerdings andere Zellen, die sie kapern und deren Ressourcen sie anzapfen können. Manche halten sie deswegen nicht einmal für Lebewesen. Aber wie kann etwas, das so anpassungsfähig ist und auf so umfassende Weise auf seine Umwelt einwirken kann wie ein Virus, nicht lebendig sein? Man muss sich ja nur die elektronenmikroskopischen Aufnahmen dieser bizarren Geschöpfe ansehen, diese Schönheit und Vielfalt! Ich werde es auch niemals müde, ihre Tricks und Kniffe zu erforschen, mit denen sie sich die Wirtszellen untertan machen, sich von einem Körper zum nächsten fortbewegen und komplexe Organismen, die millionenfach größer sind als sie selbst, ohne Probleme ausschalten können. Und das alles nur für ein einziges Ziel: um Nachkommen zu zeugen und ihnen den bestmöglichen Start ins Leben zu bieten.

 

Usutu-2 kann darüber hinaus noch mehr: Es macht die Menschen unfruchtbar. Das ist natürlich tragisch, vor allem für die Betroffenen, trotzdem kann ich nicht anders, als dieses Virus zu bewundern. In den letzten zwei Jahren habe ich mich mit nichts anderem beschäftig, und ich habe das Gefühl, einen vertrauten Freund gefunden zu haben. Ich weiß um die Gefährlichkeit dieses Virus', trotzdem mag ich es.

 

Ich bin Wissenschaftlerin, und als solche kenne ich keine Niederlagen. Die Forschung liefert manchmal allerdings neue Erkenntnisse, die möglicherweise im ersten Moment schockierend wirken. Wir wissen jetzt, wie Usutu-2 auf den menschlichen Körper wirkt, doch das ist nicht das Ende, sondern nur ein Zwischenergebnis.

 

Unser Institut, unser Team hat es als Erstes herausgefunden. Wir haben den Wettlauf gegen alle anderen Forschungseinrichtungen überall auf der Welt gewonnen. Wir haben allen Grund, stolz auf uns zu sein, und normalerweise würden in einem Moment wie diesen die Sektkorken knallen. Doch heute ist niemandem nach Feiern zumute. Ja, wir haben den Durchbruch geschafft, ja, wir verstehen die Welt ein wenig besser. Ja, wir haben ein bisher ungelöstes Rätsel geknackt. Wir hatten unsere Aha-Momente, und wir haben die Antwort auf unsere Frage gefunden: Was macht das Virus in unserem Körper? Doch damit beginnt erst die eigentliche Arbeit. Wir müssen einen Weg finden, den Prozess umzukehren und die Wirkung von Usutu-2 aufzuheben - einem vollkommen neuartigen und hoch infektiösen Virus. Soweit wir wissen, wird jeder, der das Virus in sich trägt, über kurz oder lang auch unfruchtbar. Natürlich haben wir hier im Institut uns selbst bereits getestet, gleich am Anfang, sobald wir einen ersten Prototyp entwickelt hatten. Spätere Tests bestätigten nur die ersten Ergebnisse: Bis auf eine Ausnahme wurde das Virus bei allen zweifelsfrei nachgewiesen, und wir sind alle unfruchtbar. Es geht also auch um uns ganz persönlich.

 

Ich sehe mich um und blicke in ernste Gesichter. Und ich denke, was hier alle wissen: Ein Virus und seine Wirkungsweise beschreiben zu können, heißt noch lange nicht, dass wir es auch besiegt zu haben. Trotzdem bin ich weit davon entfernt, zu verzweifeln, im Gegenteil. Eine seltsame Erregung hat mich erfasst, ich fühle mich fast euphorisch und kann es kaum abwarten, endlich loszulegen. Wir wissen zwar, wieso die Betroffenen unfruchtbar sind, aber wir wissen noch zu wenig über die Funktionsweise einzelner Gene, um den genauen Mechanismus zu verstehen. Aber wie heißt es noch? Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben.

Ich bin sicher, dass wir am Ende eine Lösung finden werden. Alles andere ist vollkommen undenkbar.

Hatte die Menschheit nicht auch schon ganz andere Probleme gelöst?

 

Wir dürfen nicht scheitern, sage ich und sehe meine Kollegen an.

Und wenn doch?

Jemand wagt es, eine Niederlage auch nur in Betracht zu ziehen? Und dann auch noch Ben, einer der klügsten Menschen, die ich kenne?

Vielleicht gibt es die Ranger ja wirklich, sagt er. Vielleicht haben sie das Virus erschaffen, und wir können nichts dagegen tun.

Ben! Wie kannst du so etwas sagen?

 

Es gibt keine Ranger. Diese Seite, die im letzten Jahr so populär geworden ist, auf der sie - oder besser Menschen mit einer blühender Fantasie, die sich als Ranger ausgeben - Fragen beantworten, ist doch nichts als ein dummer Scherz. Jeder mit genügend Know-how und Geld kann so eine Seite ins Netz stellen und in alle möglichen Sprachen übersetzen lassen.

Woher kommt ihr? Warum wollt ihr uns vernichten? Was macht ihr, wenn es keine Menschen mehr gibt? Ich gebe zu, dass auch ich schon auf dieser Seite war. Natürlich habe ich mir das angeschaut. Schließlich will ich mitreden können bei dem täglichen Klatsch in der Teeküche, ich will keine Spielverderberin sein, weil ich wieder die Einzige bin, die keine Ahnung hat.

 

Doch wenn ich ganz ehrlich bin treibt mich noch etwas anderes an, mir diese Seite anzuschauen. Falls, falls es diese Ranger tatsächlich gibt, und falls sie tatsächlich in der Lage sind, ein Virus zu erschaffen, das so elegant und perfekt ist wie Usutu-2 - dann müssen sie auch imstande sein, dieses Virus wieder aus der Welt zu schaffen. Jedes Mal, wenn ich auf die Seite gehe, über die diese angeblichen Ranger mit uns kommunizieren, suche ich insgeheim nach einer Nachricht wie: Alles wird gut. Wir werden euch helfen. Wir wollten euch nur eine gewaltigen Schrecken einjagen, damit ihr den Ernst der Lage begreift.

 

Das Problem ist nur, dass niemand den Ernst der Lage zu begreifen scheint. Wir, die wir hier sitzen, wissen, wie gefährlich das Virus ist. Wir wissen, dass Usutu-2 die Menschen ausrotten wird, wenn nicht sofort etwas unternommen wird.

 

Aber was?

 

Geschätzte vierzig Prozent der Menschen, fast drei Milliarden Männer, Frauen und Kinder, tragen das Virus bereits in sich und sind unfruchtbar. Doch kaum einer der Infizierten entwickelt ernstzunehmende Krankheitssymptome, und nur eine Minderheit von ihnen sucht damit einen Arzt auf. In einer Hand voll Ländern gibt es bisher verpflichtende flächendeckende Tests – doch seit es in Baihran nach der Veröffentlichung der Ergebnisse (63% Infizierte) zu Ausschreitungen und Angriffen auf Krankenhäuser kam, die Nachbarstaaten die Grenzen schlossen und Reisenden aus diesem Land nirgendwo auf der Welt mehr ein Visum erteilt wurde, halten die meisten Länder die Ergebnisse dieser Tests unter Verschluss. Verständlicherweise. Welcher Politiker ist schon bereit, Unruhen zu riskieren für besorgniserregende Nachrichten, für die es keine Lösung gibt?

 

Der klassische Weg, eine Pandemie zu bekämpfen, besteht darin, die Infizierten von den Nicht-Infizierten zu trennen. Aber wie will man die Menschheit quasi in zwei Teile auftrennen? Wie bringt man Menschen, die das Virus in sich tragen, dazu, ihre Familie, ihre Wohnung, ihre vertraute Umgebung zu verlassen – allein aufgrund eines Bluttests?

In geheimen Krisenstäben und internationalen Gremien, auf Konferenzen und Tagungen, in Internetforen und Thinktanks wird darüber gestritten, welche Maßnahmen ergriffen werden müssten, um Usutu-2 einzudämmen.

 

Brauchbare Ideen bisher: Keine.

 

Wir Wissenschaftler sind diejenigen, von denen das Überleben der Menschheit abhängt.

Was für eine Vorstellung! Mir ist dieser Gedanke viel zu groß, viel zu gewaltig, viel zu unfassbar. Das Ende der Menschheit. Sobald die letzten Menschen geboren werden, wird es vielleicht noch sechzig, siebzig Jahre dauern, bis sie gestorben sind, und dann war es das mit dem Homo sapiens auf diesem Planeten. Siebzig Jahre, eine Lebensspanne.

Und wie viel Zeit bleibt uns? Zehn Jahre? Zwanzig Jahre? Wie lange wird es dauern, ein Gegenmittel, sobald wir es entwickelt haben, in solchen Mengen zu produzieren, dass es flächendeckend an die Menschen verteilt werden kann? Wie viele derjenigen, die heute jung sind, werden kinderlos bleiben, weil wir zu lange brauchen? Wie viele Individuen unserer Spezies müssen überleben, damit wir nicht ganz aussterben? Ich versuche zu überschlagen, wie viele Menschen in zehn, zwanzig Jahren noch leben werden, wie viele in fünfzig Jahren. Sehr wenige. Selbst, wenn wir Glück haben und das Gegenmittel rasch gefunden ist.

 

Blitzartig tauchen Bilder vor meinem Auge auf, von menschenleeren Landschaften, immer noch von uns geprägt, aber verödet und verlassen. Hin und wieder huschen Gestalten durch das Bild, ängstlich und vorsichtig, unzähligen Gefahren ausgesetzt. In diesem Moment begreife ich: Selbst, wenn wir in einigen Jahren Erfolg haben - dieser Planet wird sich verändern. Wenn ich sterbe, wird die Erde anders aussehen als heute.

 

Ich muss an Mila denken. Seit die erste Botschaft vor zwei Jahren aufgetaucht ist, ist sie voller Zorn. Für sie gehöre ich bereits zu den Alten, und vielleicht hat sie recht damit. Alt sind diejenigen, die sich in ihrer Gegenwart eingerichtet haben, mit dem sicheren Wissen, dass es bisher immer nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch eine Zukunft gab, auch wenn diese Zukunft sich weder planen noch vorhersehen lässt. Ich bekenne: In diesem Sinne bin ich alt.

 

Die Jungen, wie Mila, dagegen wissen wenig von der Vergangenheit. Sie haben noch nicht die Erfahrung gemacht, dass sich Probleme, die aus der Ferne riesengroß und unüberwindbar scheinen, beim Näherkommen schrumpfen, dass es immer einen Weg gibt, ein Hindernis entweder aus dem Weg zu räumen oder es zu umgehen. Sie sehen das Ende vor sich und glauben nicht daran, dass das Bild, das sie sehen, ein Trugbild sein könnte.

 

Ihr habt uns die Zukunft geraubt.

Ihr habt diesen Planeten zerstört.

Euretwegen werden wir jetzt alle bestraft

 

Ihr Zorn treibt Mila an. Sie engagiert sich, sie will die Menschen wachrütteln, sie will die Welt verändern. Ihre Verzweiflung ist verständlich, und sie rührt auch etwas in mir an. Als ich jünger war – und so lange ist das noch gar nicht her – empfand ich einen ganz ähnlichen Zorn. Wie kann es sein, dass wir Bescheid wissen über den Zustand dieses Planeten, und trotzdem nichts ändern?

 

Es ist das Vorrecht der Jungen, alles in Frage zu stellen. Und lange Zeit war es das Vorrecht der Alten, zu sagen: Kommt erst einmal in unser Alter. Dann werdet ihr sein wie wir. Dann werdet ihr sehen. Eure Kraft wird erschöpft sein. Ihr werdet euch eingerichtet haben. Ihr werdet bequem werden.

 

Aber was, wenn diese Jugend keine Zukunft mehr hat? Wenn sie zwar älter werden, aber die Welt mit ihnen altert? Wenn sie niemals Kinder bekommen werden, niemals die nächsten Generationen heranwachsen sehen werden, niemals darauf hoffen können, dass es einfach immer so weiter geht, irgendwie?