Kira

Ich gebe zu: Meine erste Reaktion auf die Botschaft war ungläubiges Lachen. Ein Virus, das die Menschen vernichten könnte? Lachhaft. So ein Virus gibt es nicht, kann es nicht geben.

 

Wir versuchten, diese Botschaft abzutun als einen dummen Streich von ein paar gelangweilten Kids, die irgendein übles Zeugs geraucht hatten. Oder als ein Angriff einer russischen Trollfabrik auf die westliche Welt, mit dem Ziel, Verwirrung und Chaos zu stiften. Wahlweise steckten, je nach Theorie, auch die Chinesen, die NSA oder der Mossad dahinter. Eine Gruppe hochbegabter Nerds, die das gesamte Internet beherrschen. Antinatalisten, die sich aus ethischen Gründen dafür aussprachen, keine Kinder mehr in die Welt zu setzen.

 

Nach und nach wurden immer mehr Versionen der Botschaft entdeckt – es gab sogar eine Audiofassung in Xiri, einem Dialekt der afrikanischen Klicksprachen, das damals nur noch von rund neunzig Personen gesprochen wurde. Da begann die Sache, manchen Leuten unheimlich zu werden. Wie zum Teufel hatten die das geschafft, die Botschaft zeitgleich auf Millionen von Rechner zu bringen? Wer auch immer die sein mochten. An den Inhalt der Nachricht dagegen verschwendete kaum jemand einen Gedanken. Die Vorstellung, ein Virus, das die Menschheit vernichten könnte, könnte tatsächlich existieren, war einfach zu absurd.

 

Und erst recht glaubte niemand diese Sache mit den Rangern. Aliens. Außerirdische.

Wir lachten. Und vergaßen die Sache schnell wieder. Aber das ließen sie nicht zu. Im Internet tauchte die zweite Botschaft auf. Wie die erste in allen existierenden Sprachen. Überall und nicht zu ignorieren.

Zeitgleich verschickten sie kleine Proben von dem Virus an zehn der renommiertesten Forschungslabore überall auf der Welt.

 

Ich gehörte zu den ersten Menschen, die dieses Virus sahen. Damals arbeitete ich als Mikrobiologin an einem dieser zehn Forschungslabore. Mein Chef rief mich zu sich ins Büro, zwei Wochen, nachdem die erste Botschaft aufgetaucht war. Niemand, der auch nur halbwegs bei Verstand war, glaubte auch nur andeutungsweise, dieses Virus könnte tatsächlich existieren.

Ob ich schon von dieser neuen Botschaft gehört hätte, fragte er, und ich nickte. Heute Morgen habe man dieses kleine Fläschchen in der Post gefunden, erklärte der Herr Professor. Er glaube ja nach wie vor an einen besonders geschmacklosen Streich, aber unter den gegebenen Umständen halte er es für angebracht, wenn ich mir die Probe einmal ansehen würde. Reine Routine, versteht sich, kein Grund zur Panik, er vertraue da vollkommen meinem Urteil. Ich nahm das Fläschchen und machte mich an die Arbeit.
 

Das erste Ergebnis lautete: Wir hatten es tatsächlich mit einem Virus zu tun.
Nachdem ich diesen ersten Schock überwunden hatte, dauerte es nicht lange, bis das nächste Ergebnis feststand: Es handelte sich um ein bisher unbekanntes Virus, das sich aus Teilen von zwei bekannten Viren zusammensetzte: Dem Usutu-Virus, das seit einigen Jahren die Amselbestände in Mitteleuropa erheblich dezimierte, aber für den Menschen harmlos war. Und dem Herpes-Simplex-Virus, das dem Menschen lästige, juckende Bläschen bescherte, aber mitnichten tödlich war.

 

Ich ging zum Professor, der meinem Urteil dann doch nicht vertraute. Ein Virus, zusammengestückelt wie aus einem Baukasten? Und noch dazu als Kombination zweier völlig harmloser Viren, die beim Menschen kaum Schaden anrichteten? Unsinn.

 

Kein Unsinn. 

 

Der Professor stellte sich höchstpersönlich ins Labor und kam zu dem gleichen Ergebnis. Genau wie die Wissenschaftler in den anderen neun Hochsicherheitslaboren, die Proben des Virus erhalten hatten. In aller Eile wurde eine Konferenz einberufen, um das Ergebnis unter Fachleuten zu diskutieren. Der Presse gegenüber versuchte man sich bedeckt zu halten, um keine Panik zu schüren, doch die meisten Menschen hatten zu diesem Zeitpunkt ohnehin ganz andere Probleme. Wer würde dieses Jahr Weltmeister werden? Wohin soll ich in Urlaub fahren? Woher sollen wir das Geld für die nächste Mieterhöhung nehmen? Wie finde ich einen Kitaplatz für mein Kind?

 

Die Sache mit dem Virus galt eher als eine Art neuer Internet-Hype. Da hatten sich wohl irgendwelche Idioten vorgenommen, mal ein richtig gutes Hoax in die Welt zu setzen. Diese Sache mit den Rangern - echt witzig. Kar, die Menschen benahmen sich, als hätten sie noch eine Welt irgendwo in petto, die sie aus dem Hut zaubern konnte, sobald die erste aufgebraucht war. Aber taten sie das nicht schon immer, und bisher war es immer gut gegangen? Nicht einmal die Politiker nahmen die Sache besonders ernst. Sie haben neues Virus entdeckt? Interessant. Ist es gefährlich? Sie wissen es nicht? Ja dann. Schönen Tag noch und auf Wiedersehen.

 

Doch wo kam dieses Virus her? Hatte tatsächlich jemand es aus zwei bekannten Viren zusammengebaut? Nein. Unmöglich. Die Wissenschaft war gerade einmal so weit, einzelne Gene von einem Organismus in einen anderen zu transferieren. Nie und nimmer wäre ein Mensch – oder auch ein ganzes Forscherteam – in der Lage, ein neues lebensfähiges Virus zu synthetisieren.

 

Aber das Virus existierte. Ich hatte es gesehen.

 

Mila fragte mich später einmal, ob das der Moment war, in dem ich anfing, an die Existenz der Ranger und des Hohen Rates und an das bevorstehende Ende der Menschheit zu glauben. Wenn dieses Virus existierte, obwohl es nicht existieren dürfte - konnten dann nicht auch die Ranger existieren?

 

Ich lachte. Nein, natürlich nicht. Ich lachte, wirklich.

 

Unser Glauben an die Überlegenheit und Einzigartigkeit des Menschen war ungebrochen. Daran, dass wir im Universum die einzige intelligente Lebensform wären. Oder zumindest, dass, falls andere Lebensformen existierten, sie so weit von uns entfernt leben würden, dass ein Kontakt ausgeschlossen war. Weil wir nicht wussten, wie wir Entfernungen überwinden sollten, für die wir kaum Worte hatten, glaubten wir auch nicht, dass anderen längst gelungen sein könnte, woran wir noch scheiterten.

 

Wir waren von unserer eigenen Klugheit und Überlegenheit so überzeugt, dass wir uns sogar die weisen Menschen nannten:

Homo sapiens.